Archiv für die Kategorie „Spalter!“
Verlegerforderung “Leistungsschutzrecht” – eine Polemik
Heute spricht zu Ihnen: Mario Sixtus
Liebe Verleger,
das tut jetzt vielleicht ein wenig weh, aber einer muss es mal deutlich sagen: Euch hat niemand gerufen! Niemand hat gesagt: “Mein Internet ist so leer, kann da nicht mal jemand Zeitungstexte oder so was reinkippen?“ Ihr seid freiwillig gekommen, und ihr habt eure Verlagstexte freiwillig ins Web gestellt. Zu Hauf. Und kostenlos. Ihr nehmt keinen Eintritt für die Besichtigung eurer Hyperlink-freien Wörterwüsten, weil ihr genau wisst, dass niemand dafür Geld ausgeben würde. Ihr habt seriöse und unseriöse SEO-Fritzen mit Geld beworfen, damit Google eure Seiten besonders lieb hat. Ihr seid ohne Einladung auf diese Party gekommen. Das ist okay, ihr könnt gerne ein wenig mitfeiern. Prost! Aber wisst ihr, was gar nicht geht? Dass ihr jetzt von den anderen Gästen hier Geld kassieren wollt. Sogar per Gesetz. Verleger: geht’s noch?
Bitte unterbrecht mich, falls ich etwas falsch verstanden habe mit diesem “Leistungsschutzrecht“, was gut sein kann, denn logisch ist das alles bestimmt nicht. Ihr wollt eine Art Steuer kassieren für all die Arbeit, die es bereitet, Texte online zu publizieren. Das ist die Leistung, die geschützt und bezahlt werden soll. Nicht etwa die Texte selbst sind es, für die ihr honoriert werden wollt, sondern das Zusammentragen und online stellen. Richtig? Wo und wie dieses Geld eingesammelt werden soll, ist zwar noch nicht ganz klar, aber immerhin habt ihr da schon ein paar Ideen. Vielleicht aber könnte man dazu auch Wahnvorstellung sagen. Einer dieser Einfälle, der ein wenig nach Megalomanie, Irrwitz und gekränktem Narzissmus schmeckt, lautet: News-Aggregatoren sollen zahlen. Also Angebote wie Google News. Dafür, dass sie diese Textschnipselchen anzeigen, die als Hyperlinks dienen, die zu euren Verlagsangeboten führen. Google spült euch die Hälfte eurer Besucher auf die Seiten und jetzt sollen sie dafür bezahlen? Das ist in etwa so, als würde ein Restaurantbesitzer Geld von den Taxifahrern verlangen, die ihnen Gäste bringen.
Dann ist da noch die Idee, gewerbliche Computernutzer zur Kasse zu bitten. Pauschal und auf Verdacht. Denn sie könnten ja irgendwie davon profitieren, dass ihr umgeklöppelte Agenturmeldungen, Oktoberfest-Bilderklickstrecken und überlaufende Inhalte eures Print-Redaktionssystems ins Web pumpt. Eine Verleger-GEZ wollt Ihr euch zusammenlobbyieren. Einerseits. Auf der anderen Seite droht ihr mit rituellem Selbstmord, wenn die gebührenfinanzierte Tagesschau eine iPhone-App bereitstellt. Wie geht das zusammen? Die Öffentlich-Rechtlichen sind aufgrund ihrer Gebührenfinanzierung eure erklärten Todfeinde, andererseits wollt ihr euch in gebührenfinanzierte Verleger verwandeln? Ja habt Ihr denn überhaupt keinen Stolz?
Die Gewerkschaften habt ihr schon auf eurer Seite. Das ist kein Wunder. Gewerkschaften sind in etwa so fortschrittsfreudig wie die Taliban. Hätte es sie damals schon gegeben, wären sie sicherlich auch gegen die Einführung des Buchdrucks gewesen, da er schließlich zu Arbeits- platzabbau in den klösterlichen Schreibstuben führt. Und die schwarz-gelbe Regierung hat ein wie auch immer geartetes Leistungsschutzrecht sogar schon in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Das ist ebenfalls kein Wunder, schließlich hat sich die politische Elite mit der alten Medien-Oligarchie prima arrangiert. Man kennt sich und weiß sich zu nehmen.
Der CTRL-Verlust-Blogger Michael Seemann hat den hübschen Begriff “Leistungsschutzgeld“ erfunden. Eigentlich wollt ihr auch ein “Leitungsschutzgeld“: Wer beruflich eine Internet-Leitung hat, soll zahlen, zu eurem Artenschutz. Wisst ihr was, Verleger? Haut doch einfach ab aus dem Web, wenn es euch hier nicht gefällt. Nehmt eure Texte mit und druckt sie auf Papier oder schickt sie meinetwegen per Fax weg. Denn: Euch hat niemand gerufen.
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Crosspost mit freundlicher Genehmigung des „Magazins für elektronische Lebensaspekte“, De:bug, Ausgabe 148, Creative Commons: CC-BY
Dieser Artikel erschien ebenfalls auf der Webseite “Carta”. Ein Weiterverbreiten unter der Beachtung der CC-Lizenz wird von Mario Sixtus ausdrücklich gewünscht.
Im Zuge der Veröffentlichung dieses offenen Briefs fiel Martin Oetting ein Problem auf: der Brief wurde bislang nur im Internet veröffentlicht. Die Leute, die ihn lesen sollten (Verleger, Entscheidungsträger, Politiker) werden ihn dort nicht lesen. Es wäre besser, wenn er nochmal in einer Zeitung abgedruckt würde. Und das kostet Geld. Viel Geld. Deswegen hat er ein Spendenprojekt ins Leben gerufen, um eine solche Zeitungsseite in einer großen deutschen Tageszeitung zu buchen (der Name “FAZ” fiel, aber das war nur als Beispiel gemeint. Wo der Text letztlich erscheint, wird man noch sehen müssen). Da dieses Ansinnen vollste Unterstützung verdient, hier eine Möglichkeit, für das Projekt zu spenden: betterplace.org.
Ungarn 2011
Die westliche Erregung über das Mediengesetz in Ungarn ist richtig, aber sie ist unvollständig und klingt seltsam hohl. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, dabei haben die Eltern die ganze Zeit sorglos dabei zugeschaut, wie es auf dessen Rand herumtollte. Die EU hat sich mehr um die Märkte, statt die Menschen gekümmert. Orbáns Ungarn ist da nur ein folgerichtiges Lehrstück, was aus einer Demokratie ohne Demokraten werden musste.
“Pester Lloyd” am 23. Dezember 2010 in einem Kommentar zum ungarischen Mediengesetz
Der heutige Tag wird lange in Erinnerung bleiben, dieses Zitat aus “Star Wars” sei mir gestattet, denn ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sich manche Zusammenhänge dort wiederfinden lassen, wo man es am wenigsten vermutet. Der heutige Tag wird lange in Erinnerung bleiben, denn er wird für die Schizophrenie stehen, mit denen Regierungen Europas gerne mal mit erhobenem Zeigefinger irgendwelchen Diktatoren die Grundrechte nahebringen wollen, gleichzeitig aber fast tatenlos zuschauen, wennn das Gleiche vor der eigenen Haustür – oder in dem Fall sollte man sagen, im eigenen Hinterhof – geschieht. Am heutigen 1. Januar 2011 übernimmt Ungarn turnusmäßig den Vorsitz des EU-Rates. Der 1. Januar 2011 ist gleichzeitig der Tag, an dem in Ungarn ein Gesetz in Kraft tritt, das ganz banal “Mediengesetz” genannt wird, dessen Inhalt aber ganz und gar nicht banal ist.
Mit dem so genannten “Mediengesetz” wird in Ungarn eine Behörde installiert, die überwachen soll, dass die ungarischen Medien für eine “ausgewogene Berichterstattung” sorgen. Was “ausgewogen” ist, bestimmt die Behörde dabei unabhängig von irgendwelchen Kontrollinstanzen. Wer “unausgewogen” berichtet, bekommt eine Strafe aufgebrummt, die Rede ist von ca. 35.000 Euro für Webseiten (also auch Blogs) und ca. 700.000 Euro für Fernsehsender. Zeitungen dürfen bis zu ca. 89.000 Euro löhnen. Gegen das Bußgeld gibt es erstmal keine Möglichkeit des Widerspruchs. Das heißt, erst muss man zahlen, dann kann man den Rechtsweg beschreiten, in einem Verfahren, das genauso zeit- wie kostenaufwändig ist. Damit ist klar: Bekommt ein Blogger, eine Zeitung oder ein Fernsehsender eine solche Strafe aufgebrummt, kann das unter Umständen den finanziellen Ruin bedeuten. Und ebenfalls klar ist, was das Gesetz bewirken soll – die Medien sollen sich vorher zweimal, vielleicht auch drei- oder viermal überlegen, was sie schreiben, bevor sie etwas regierungskritisches veröffentlichen. Damit findet eine “Vorwegzensur” statt; wer sich dennoch traut, kritisch zu schreiben, bekommt eine Strafe und ist ruiniert, das ist die Zensur “an sich”. Kritische Stimmen können so mundtot gemacht werden.
Nachdem die europäischen Politiker mehr als verhalten auf diese beunruhigende Entwicklung reagieren, rufen Blogger dazu auf, der Öffentlichkeit eine Stimme zu geben. Manche spekulieren gar darüber, ob Ungarn für die EU ein Testfall darstellen soll – mal sehen, wie weit man mit der Beschneidung der Grundrechte gehen kann, bevor sich echter Widerstand im Volk regt. Sollte es solche Gedanken tatsächlich geben, müssen wir sofort reagieren und unserer so genannten “politischen Elite” diese Ideen wieder austreiben.
Dazu gehört zunächst einmal, dass die Öffentlichkeit informiert wird. Es gibt nun Blogger, die das viel besser können als ich, deswegen möchte ich auf folgende Einträge verweisen und Blogger, die dies hier lesen, aufrufen, sich anzuschließen. Eine gute Möglichkeit ist die Aktion von bloggingportal.eu, die zur “Europäischen Blog-Aktion gegen Zensur in Ungarn” aufrufen (nur in Englisch). Weitere Informationsquellen:
- Der Kommentar in “Pester Lloyd” gibt einen guten Einblick in die Versäumnisse der Vergangenheit und wie es überhaupt zu diesem Gesetz kommen konnte.
- “Ungarn geht uns alle an”, schreibt kopfzeiler.org.
- “Das Schweigen der EU” – Evil Daystar
- “Zensur in Ungarn: China mitten in Europa” – Metronaut
- “Ungarn als Geburtsstunde einer europäischen Öffentlichkeit” – Weissgarnix
- “Europa ohne Wert(e)?” – Sprengsatz
Jahresende 2010: Rückblick, Einblick, Ausblick
Eine Minute vor Mitternacht ist es jetzt, da dieser Artikel erscheint… jedenfalls in der Zeitzone, in der unser Blog erstellt wird. In einer Minute ist 2010 beendet und wir haben das neue Jahr 2011. Eine Menge hat sich getan im vergangenen Jahr, auch wenn man das hier beim “Communiqué” nicht immer so gemerkt hat. Das Phantastische Projekt wurde zum Teil neu organisiert und neu strukturiert. Und noch sind wir nicht fertig mit allem, was wir uns vorgenommen haben. Die Leser unseres Newsletters hatten da einen Vorteil, diese haben bereits bei Erscheinen des letzten Rundbriefs von den Neuerungen erfahren, die wir für die Zukunft so geplant haben. Nun wollen wir die Leser unseres Blogs nicht im Dunkeln lassen, sondern auch sie erhellen:
STAR COMMAND Communiqué
Die Webseite www.star-command.de bleibt auch weiterhin das Blog vom Phantastischen Projekt mit aktuellen Artikeln und Berichten.
ASTROCOHORS – Science Fiction
Hier wird sich am meisten tun. Wir hatten ja verschiedene Abteilungen mit verschiedenen Ideen eingerichtet, aber die meisten davon werden umgeformt und geändert werden.
Die Unterseite romane.astrocohors.de ging um die ASTROCOHORS-Romane. Diese Unterseite wird in die Hauptseite integriert, die Hauptseite www.astrocohors.de wird damit eine Seite werden, auf der es rein um die Geschichten geht.
icn.astrocohors.de hatten wir als Service aufzubauen versucht, der dem interessierten Fan verschiedene Publikationen sowohl im Internet als auch gedruckt vorstellt. Nun verschiebt sich das Verhältnis immer mehr zum Internet, zum zweiten gibt es mittlerweile Webseiten, die einen sehr viel besseren Service bieten, gleich einer Internet-Zeitung, wie zum Beispiel www.rivva.de. ICN wird als Unterseite daher aufgegeben.
raumflotte.astrocohors.de sollte den Fans ein Verzeichnis von Fanclubs liefern, geographisch sortiert, damit man den Club finden konnte, der sich in der Nähe trifft. Doch in den letzten Jahren, ja Jahrzehnten, hat sich das Bild der Fanlandschaft stark gewandelt. Der Service wird in seiner bestehenden Form aufgegeben, wir arbeiten aber an etwas anderem, das mehr mit ASTROCOHORS zusammenhängen wird.
spacecruise.astrocohors.de begann als Service für Fanclubs, um denen Tipps zu geben für Ausflüge in der Gruppe. Aus SPACE CRUISE heraus haben sich zwei separate Projekte entwickelt, das EP-BLOG und SUMMERTIME PARCS, von beiden wird gleich berichtet. Jedoch wird auch SPACE CRUISE das große Schicksal ereilen und der jetztigen Form eingestellt werden.
QUYSTHALI – Heldenreisen
Quysthali ist auf www.quysthali.de schon fast in der Form angekommen, wie wir es haben wollten, wird aber noch ein paar Änderungen im Design erfahren. Natürlich wird die Geschichte um die ungewöhnliche Gemeinschaft weitergehen. Wer das Buch noch nicht gekauft hat, sollte dies dringend nachholen, zum Beispiel hier:
Quysthali – Buch 1: Eine Heldenreise
EP-Blog – Die ErlebnisPostille
Die ErlebnisPostille bleibt auch weiterhin das Magazin für Erlebnisse, Ferien und Urlaub und wird sogar noch erweitert. In Zukunft kommen neue Abteilungen hinzu und außerdem wird www.ep-blog.de die Funktionen als Tagesausflugsverzeichnis übernehmen, die bisher SPACE CRUISE hatte. Den Artikel zum Jahreswechsel 2010/2011 findet man hier.
FLATFLUTEDIVERS – Rund ums Tauchen
FlatFluteDivers hat sich als Abteilung aus dem EP-Blog heraus entwickelt. Sollte es am Anfang um kleine Geschichten und Episoden rund ums Tauchen gehen, so wartet www.flatflutedivers.de mittlerweile mit mehr, und in Zukunft mit noch mehr auf: Berichte um Tauchplätze, Tauchreisen, Tipps und vielem mehr. Auch auf dieser Seite findet sich ein Artikel mit Gedanken zum Jahreswechsel.
SUMMERTIME PARCS – Urlaub im Ferienpark, Ferienhaus oder mobil
Wie die ErlebnisPostille , so hat sich auch www.summertimeparcs.de aus SPACE CRUISE heraus entwickelt, und es wird sich ebenfalls weiter entwickeln. Nachdem mittlerweile die drei großen Ferienpark-Marken Center Parcs, Sunparks und p&v aufgenommen und die Seite um Hotelresorts erweitert wurde, kommen weitere Parks und Unterkünfte bald dazu. Das “Summertime Blog” hat ebenfalls einen kleinen Artikel zum Jahreswechsel mit ein paar Neuerungen.
Und für die Zukunft…
In diesem Sinne wünschen wir unseren Lesern ein gutes und erfolgreiches neues Jahr 2011 und hoffen, dass wir uns nach dem Jahreswechsel wiedersehen, wenn es Neues zu berichten gibt.
Wir brauchen eine “Kultur des Versagens” – dringend!
Vor einigen Jahren saß ich mit meiner damaligen Freundin in unserem damaligen Wohnzimmer. Sie saß vor dem Fernseher und sah die Castingshow “Popstars” an. Ich saß am Esstisch und arbeitete am Computer. Castingshows gaben und geben mir nichts, aber andererseits wollte ich auch nicht irgendwo rumhocken und sie allein lassen. Auf diese Weise wurde ich unfreiwillig Zeuge einer besonders schlechten Darbietung eines Kandidaten, der nicht nur nicht singen, sondern nocht dazu nicht tanzen konnte. Ich konnte es nicht fassen, was ich da sah. Wie konnte so jemand auf die Idee kommen, sich bei einer Castingshow zu melden? “Sag mal”, meinte ich zu meiner Freundin, “haben solche Leute eigentlich keine Familie oder Freunde, die ihnen sagen: ‘He, Du kannst einfach nicht singen! Geh nicht zu der Show, Du blamierst Dich nur.’” Im selben Moment fasst sich im Fernsehen Jurymitglied Detlef “D!” Soost an den Kopf und sagt: “Haben solche Leute eigentlich keine Familie oder Freunde, die ihnen sagen, sie können nicht singen und sie sollen nicht zu einer Castingshow gehen?”
Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Meine Freundin von damals ist mittlerweile mein Ex-Freundin und Castingshows wurden zu einem Hort des Boshaften. In den Anfangszeiten zeigte man zwar auch (wie im Beispiel oben) Menschen, die in einer Castingshow eigentlich nichts verloren haben, aber mittlerweile ist es zu einem Sport avanciert, diese Menschen durch Off-Kommentare und entsprechende Einblendungen zu verspotten. Die Schulhofrüpel, die den jüngeren oder schwächeren Schülern im Gang auflauern, sie verprügeln und ihnen das Essensgeld klauen, sind in der deutschen Realität angekommen. Und tatsächlich ist das heute ein etabliertes Bild unserer Gesellschaft: Versager gehören verspottet. Mit Häme überschüttet. Selbst Schuld. Werft den Purchen zu Poden! Und wenn er am Boden ist, trampelt auf ihm rum.
Das sind die Auswüchse von etwas, das man gerne mal als “typisch deutsche” Eigenschaft deklariert: der Perfektionismus. Ich merke es selber an mir, wenn ich mit mir selbst unzufrieden bin. Oder dass ich das Gefühl habe, dass etwas Neues, das ich ausprobiere, natürlich aus dem Stegreif zu funktionieren hat. Leider haben wir mittlerweile in unserer Gesellschaft ein Klima geschaffen, das genau das propagiert: Entweder Du kannst es und bist perfekt – oder lass es doch einfach gleich bleiben. Denn wenn Du versagst, bist Du vogelfrei. Dann kann jeder über Dich herziehen und Dich verspotten, wie er will.
Das gilt für banale Sachen genauso wie für Entscheidungen, die den ganzen Rest eines Lebens beeinflussen können. Nehmen wir nur mal die Schule. Wenn ein Schüler das Klassenziel nicht erreicht und “sitzenbleibt”, kommen mehrere Herausforderungen auf ihn zu: Zum einen muss er das, was er ein Jahr lang gemacht hat, nochmal machen, und da wird auch viel Langeweile dabei sein. Der Schüler wird aus seinem sozialen Umfeld gerissen und in ein neues geschleudert – und hier hat er den Makel des “Sitzenbleibers” an sich haften. Es ist schon schwierig genug, wenn ein Schüler etwa durch einen Umzug in eine neue Klasse, ein neues Umfeld kommt. Aber dann auch noch unter diesen Vorzeichen? Kinder können grausam sein, was das betrifft – aber wo lernen sie das denn? Genau, von den Erwachsenen.
Am schlimmsten ist es bei einer der weitreichendsten Entscheidungen, die man im Schulleben treffen muss: Auf welche weiterführende Schule das Kind gehen soll. Nun, hier muss ich einen kurzen Ausflug machen und kurz betonen, dass ich sowieso der Meinung bin, dass die 4. Klasse viel zu früh ist, um so eine weitreichende Entscheidung korrekt treffen zu können. Ich bin des weiteren der Meinung, dass das derzeitige dreigliedrige Schulsystem nichts weiter ist als die Zementierung eines überkommenen Gesellschaftssystem aus drei Klassen, die nach Möglichkeit nichts miteinander zu tun haben wollen: Gymnasium = Akademiker, Realschule = Kaufleute und Angestellte, Hauptschule = Arbeiter. Ich selbst hatte in der 4. Klasse eine Empfehlung für das Gymnasium. Hätte man mich gefragt, was ich tun will, ich hätte es nicht sagen können. Was will ich auch sagen, mit gerade mal 9 Jahren, was weiß ich denn von irgendwelchen Berufschancen? Zu dem Zeitpunkt wollte ich Lokführer werden. Wirklich geredet hat man mit mir darüber nicht, aber dazu komme ich gleich noch. Man hat mich dann aufgrund der Empfehlung eines Lehrers auf die Realschule gesteckt, das sei besser so. Das Resultat war, dass ich in vielen Dingen schlicht unterfordert war und mich langweilte.
Wir kommen wir da zur “Nicht-Versagen-Kultur”? Ganz einfach: Es gibt keinen Wagemut, was diese Auswahl betrifft. Wenn jemand sein Kind auf das Gymnasium schickt, weil es die Anforderungen nun mal erfüllt, und dieses Kind kommt mit der Schule nicht klar, wird wieder herumgemäkelt. Das Kind wechselt dann auf die Realschule unter den gleichen Bedingungen wie ein “Sitzenbleiber” und die Eltern dürfen sich kluge Sprüche anhören von Menschen, die natürlich schon immer wussten, dass der “kleine Versager” nie hätte aufs Gymnasium gehen dürfen und nur der dumme, verbohrte Ehrgeiz der Eltern schuld sei. Das arme Kind!
Ach ja? Wer macht denn das “arme Kind” zum “armen Kind”? Doch nicht die Tatsache, dass es an einer Aufgabe gescheitert ist. Sondern die Tatsache, dass Außenstehende – wir! – darin einen Makel sehen. Und ja, es gibt Eltern mit einem dummen, verbohrten Ehrgeiz, die ihr Kind auf eine Schule drücken, wo es eigentlich nicht hingehört. Doch was ist die Ursache dieses Ehrgeizes? Versagensangst! Die Angst der Eltern, als erzieherische Versager dazustehen, nur weil das Kind “zu dumm” fürs Gymnasium scheint.
Genau all das verhindert einen ehrlichen Dialog. Eine Freundin erzählte mir beispielsweise, dass sie von ihrer Mutter erklärt bekam, welche Entscheidung zu treffen sei, was das für Konsequenzen hätte und sie wurde gefragt, auf welche weiterführende Schule sie denn gehen wollte. Sie entschied sich für das Gymnasium – die richtige Wahl, wie sich herausstellte. Wenn ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es bei mir war, ist da nicht viel. Ich schrieb oben, dass ich zu dem Zeitpunkt, als die Entscheidung bei mir anstand, Lokführer werden wollte. Und dann wurde die Entscheidung für mich getroffen. Von den weiterführenden Schulen wusste ich nicht viel, das Gymnasium war das große, graue Gebäude, die Realschule das große Gebäude mit den grünen Fensterrahmen und die Hauptschule der Hinterbau der Grundschule, auf die ich ging. Man hat mir nicht erklärt, dass das Gymnasium nicht bedeutet, dass man “nur” studieren gehen kann, sondern dass einem auch die Berufsausbildungen offenstanden. Man fragte einen Lehrer, der meinte, Realschule sei das beste für mich. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, teile ich seine Meinung nicht. Ob ich auf dem Gymnasium durchgekommen wäre, weiß ich nicht. Aber genau das ist der Punkt, um den es mir hier geht: Lieber ging man auf Nummer sicher, als dass ich eventuell scheitern könnte.
Dabei wird ganz deutlich, dass es nur am Umfeld liegt. Scheitert jemand, so ist es nicht nur in ihm begründet, wenn er daran beispielsweise innerlich zerbricht. Es liegt am Umfeld. Man fühlt sich sowieso als Versager – und was vermittelt einem das Umfeld? Genau das gleiche! Dabei wäre es die Aufgabe des Umfeldes – Familie, Freunde -, diesem Menschen zu helfen, den Blick auf das Wesentliche zu richten. Warum hat er versagt? War es eine grundlegende Sache oder doch eher etwas, das man vielleicht beseitigen kann? Wie soll es weitergehen? Welche Lehren kann der Mensch aus dem Scheitern ziehen? Doch wir sind auf andere Dinge getrimmt: Oh mein Gott, dieser Mensch hat versagt! Auch wenn wir ihn im Grunde nicht verspotten oder verspotten wollen, so wird doch etwas getan, was fast noch schlimmer ist: er wird bemitleidet! Mitleid mag aus einer positiven Motivation heraus entstehen, allein beim Empfänger verstärkt es aber das Gefühl noch, ein Versager zu sein. Ein Versager, der Mitleid verdient hat. Mitleid verzerrt die Perspektive sehr stark. Der Bemitleidete bekommt nochmal deutlich das Gefühl, von oben herab betrachtet zu werden. Oben sind die Menschen, die nicht versagt haben. Unten ist er.
Leider zieht das ganze eine andere Sache nach sich, die das völlige Gegenteil darstellt: die totale Übermotivation und das “Versagen-nicht-sehen-wollen”. Wie bei dem armen Castingshowkandidaten, den ich am Anfang dieses Artikels erwähnte. Natürlich kann es auch sein, dass es in seinem Bekanntenkreis ein paar Menschen gibt, die ihm mit Absicht nicht gesagt haben, dass er nicht singen kann, weil sie ihn öffentlich in der Show versagen sehen wollten (noch so ein Nebeneffekt der “Nicht-Versagen-Kultur”). Aber ich gehe mal davon aus, dass innerhalb der Familie sowas wohl nicht vorkommen wird. Ich nehme mal an, dass er zumindest von der Seite motiviert wurde nach dem Motto: “Wenn wir ihm die Wahrheit sagen, bricht er zusammen.” Auch das ist eine Form der fehlenden “Kultur des Versagens” – er DARF einfach nicht versagen, das hält er nicht aus. Aber warum sollte er es nicht aushalten? Doch nur, weil er sich damit zum Gespött macht – und schon sind wir wieder am Anfang. Das Problem in diesem Fall ist, dass Menschen sich in sowas reinsteigern, es aber gleichzeitig nur eine Frage der Zeit ist, bis der “große Knall” kommt. Im Fall des Kandidaten kam er beim Casting von “Popstars”. Und was für ein Knall das sein muss – bisher wurde ihm immer versichert, er könne das, und nun wird ihm klipp und klar ins Gesicht, dass er nicht singen kann.
Hätten wir eine “Kultur des Versagens”, so könnten wir das Scheitern in eine nützliche Lektion umwandeln. Ich bin gescheitert, okay, das ist nicht schön. Aber jetzt überlege ich mir, was ich daraus mache. Und dann geht es weiter in irgendeine Richtung. Durch die Kultur, die wir jetzt haben, stürzen viele Menschen, die “versagen”, in ein Loch. Anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie es weitergehen kann, kreisen die Gedanken nur noch um einen Punkt: “Ich habe versagt. Ich bin nichts wert.” Und genau so werden solche Menschen behandelt.
Dabei ist nicht mal gesagt, dass das Scheitern in einer Sache bedeutet, man müsse sich komplett nach etwas anderem umschauen. Das Kind, das auf dem Gymnasium an einem oder zwei Fächern scheitert, braucht vielleicht einfach nur Nachhilfe in diesem Fächern. Wer weiß, vielleicht hätte der Kandidat einfach nur mal richtigen Unterricht gebraucht? Ganz ehrlich, ich bin auch begeistert von Musik und kann Harmonien erkennen, wenn ich sie höre, aber deswegen kann ich nicht von mir behaupten, ein Musiker zu sein. Beim Singen gibt es so viele Techniken, mit denen man sich auseinandersetzen muss, das kann nun mal nicht jeder intuitiv. Aber da sind wir wieder am Anfang – Anfängertum wird nicht geduldet, alles muss sofort “perfekt” sein. Also überspringt man lieber diese Schritte. Genau genommen ist es ja das, was das Konzept einer Castingshow ausmacht. Im Gegensatz zu den Musikern, die sich ihre Karriere erarbeiten mussten, indem sie sich Schritt für Schritt verbesserten, am Anfang vielleicht vor 4 Leuten spielten, dann vor 40 und irgendwann vor 4.000, soll hier der Schritt von “Null auf Hundert” gleich gemacht werden. Allein der Anspruch einer anderen Castingshow, einen “Superstar” hervorbringen zu wollen, spricht Bände. Ein “toller” oder “guter” oder “fantastischer” Musiker reicht nicht, nein, es muss ein “Superstar” sein.
Tatsächlich tritt aber auch hier gleich wieder diese “Nicht-Versagens-Kultur” zutage. Versuchen wir, uns an die vergangenen Teilnehmer und Sieger von “Deutschland sucht den Superstar” (oder “DSDS”) zu erinnern. Auch hier begann irgendwann die Häme einzusetzen. Sollten das nicht “Superstars” sein? Und was hört man jetzt von ihnen? Gar nichts mehr. Ha ha! Ehm, Moment mal… Alexander Klaws ist Musicaldarsteller in Hamburg, Daniel Küblböck (hat zwar nicht gewonnen, war aber aus der 1. Staffel “DSDS” auch einer der Bekannteren) leitet seine eigene Firma, Elli Erl hat ein eigenes, kleines Plattenlabel, Tobias Regner moderiert eine Radioshow in Hessen und Thomas Godoj und Daniel Schuhmacher gehen immer noch auf Tournee. Offenbar haben sie es also geschafft, etwas für sich zu erarbeiten, das sie gern machen wollen. Aber das scheint nicht spektakulär genug zu sein, und mit dem Anspruch der Sendung DSDS, einen “Superstar” produzieren zu wollen, ist die Fallhöhe natürlich riesig. Aber sollten wir nicht, anstatt hämische Kommentar abzugeben, vielleicht mal kurz innehalten? All diese Menschen haben eine Erfahrung gemacht und sie haben sich einer Aufgabe gestellt. Allein sie haben – wohlgemerkt – unseren Ansprüchen eines “Superstars” (was auch immer das sein soll) nicht genügt. Aber sie haben ihren Weg gefunden und sind dort offenbar erfolgreich. Soll das etwa nichts wert sein?
Mark Medlock fällt hier etwas aus der Reihe, da er immer noch eine gewisse Medienpräsenz hat und damit vermutlich dem Bild eines “Superstars” unter all den Kandidaten am nächsten kommt. Ich kann mit ihm nichts anfangen, aber andere Menschen können das offenbar. Also was soll’s? Auch er hat seinen Weg gefunden.
Mehrzad Marashi wiederum ist ein gutes Beispiel der “Nicht-versagen-Kultur”: Seine Tournee musste nämlich abgesagt werden, weil sich zu wenig Karten verkauften. Hat er versagt? Das kann noch niemand sagen. Es kommt immer darauf an, was man aus einer Situation macht. Und das wissen wir bei Marashi nicht, er ist gerade in einer Phase der Neuorientierung, vor allem, nachdem er sich von Dieter Bohlen als Produzent getrennt hat. Aber nichtsdestotrotz gab es schon Stimmen, die davon sprachen, dass seine “Karriere beendet” sei.
Das ist eine sehr eilige Aussage. Wann genau ist denn eine Karriere beendet? Und warum sind wir – gerade in den Medien – so fixiert darauf? Vor allen Dingen, so negativ fixiert darauf? Weil das “Ende” von etwas, das man vielleicht lange Zeit gemacht hat, als “Versagen” definiert wird. Ich beobachte, dass wenig Menschen offenbar bereit sind, anderen Menschen eine Art “Entwicklung” zuzugestehen. Wir haben gefälligst zu irgendeinem Zeitpunkt irgendeine Entscheidung zu treffen, die den weiteren Verlauf unseres Lebens in Stein meißelt. Wer beispielsweise eine Ausbildung abbricht, weil ihm der Beruf nicht das gibt, was er davon erhofft hat, hat versagt. Gerade so, als gäbe es für einen Menschen nur den einen Weg im Leben. Und wenn man den nicht weiterverfolgt, ist man ein Versager.
Ich sage: NEIN! Es muss erlaubt sein, Irrtümer zu erkennen und zu korrigieren. Es muss erlaubt sein, neugierig zu sein auf andere Dinge und diese auszuprobieren. Würde ich meinen Lebensweg nach dem negativen Bild des “Versagens” beschreiben, so müsste ich auch hier und da davon schreiben, dass meine “Karriere als XYZ” beendet war. So ist das aber nicht. Meine Karriere endet in dem Moment, da ich die Augen das letzte Mal schließe, den letzten Atemzug nehme und mein Herz seinen letzten Schlag tut. Nicht vorher! Und selbst dann hoffe ich, dass ein bisschen was von dem, was ich in diesem Leben geleistet habe, weiterleben wird ohne mich.
Wir brauchen dringend eine Kultur des Versagens in unserer Gesellschaft, in der derjenige, der an einem Versuch scheitert, nicht mit Spott, Häme und dummen Sprüchen übersät wird, sondern wir Achtung davor zollen, dass er etwas versucht hat. Denn selbst aus dem Scheitern lässt sich etwas lernen. Leider wird uns auch das nur allzu häufig verwehrt. Scheitern wir an etwas, so kriegen wir nur allzu oft zu hören, dass das, was wir tun wollten, sowieso eine blöde Idee war, und dass wir das ganz schnell vergessen – verdrängen – sollten. Gerade Kindern nehmen wir so die Chance, etwas aus dem Scheitern mitzunehmen. Etwas Positives. Und schlimmer noch: Wir töten die Initiative, denn jemand, der einmal gescheitert ist und mit Spott “belohnt” wurde, wird es sich beim nächsten Mal sehr überlegen, wenn er wieder was Neues beginnt.
Auf dem Weg, den wir jetzt eingeschlagen haben, berauben wir uns unserer Möglichkeiten. Das Potential vieler Menschen wird so nicht zur Entfaltung kommen, denn man könnte ja versagen. Es gibt immer noch Menschen, die sich diese Denkweise nicht angeeignet haben, und das ist gut so. Leider wird es immer schwieriger. Denn das, was täglich über uns hereinbricht, zeigt uns das andere Bild: Versagen ist schlecht. Versagen darf nicht sein. Versager sind Verlierer, die es Wert sind, verspottet zu werden. Mehr nicht. Es ist schwierig, aber davon dürfen wir uns nicht beeindrucken lassen. Denn wer weiß, wieviel unentdeckte Talente da draußen noch sind, die wir nie zu sehen bekommen werden. Und das ist schade.
Skandal am Badesee? Skandal bei der Berichterstattung!
In einem Badesee bei Trittau (Schleswig-Holstein, im Landkreis Stormarn) kam es am Freitag, den 16. Juli 2010 zu einem Badeunfall, bei dem ein 68jähriger Mann ums Leben kam. Das allein ist schon schlimm genug. Wie die DLRG in einer Stellungnahme mitteilt, sei der Mann wohl außerhalb des geschützten Bereichs unterwegs gewesen und zudem außerhalb der Wachzeiten der örtlichen DLRG. Andreas Lerg von Lerg Media ist nun bei T-Online auf einen Videobeitrag des Portals “NonstopNews” gestoßen, in dem schwere Vorwürfe gegen die Helfer der DLRG erhoben werden. Lerg wirft in einem Beitrag seines eigenen Blogs dem Portal vor, sich in dem Video einseitig auf Augenzeugenaussagen zu stützen, ohne die Stellungnahme der DLRG abzuwarten, die durch die Aussagen schwer angegriffen wird. Dadurch wird der ganze Bericht tendenziös und konstruiert einen Skandal.
Als jemand, der mittlerweile fast 20 Jahre im Rettungsdienst arbeitet, fällt mir dabei wieder einmal folgendes auf: der Jugendliche, der in dem Video befragt wird, empört sich – genauso wie der Redakteur, der den Artikel zu dem Video verfasst hat – darüber, die Retter hätten angeblich gesagt, sie “schützen lieber ihr eigenes Leben”, anstatt etwas zu tun. Ich möchte wetten, die Retter haben das weniger dramatisch formuliert, aber im Kern ist die Aussage richtig. NIEMAND kann von uns Helfern erwarten, dass wir unser eigenes Leben aufs Spiel setzen, um jemand anderen zu helfen. Und was sollte das auch bringen? Natürlich kann es gut ausgehen, aber was ist, wenn das nun mal nicht der Fall ist? Dann wäre nicht nur eine Person – nämlich das ursprüngliche Opfer – zu retten gewesen, sondern gleich zwei oder drei. Dem in Not Geratenen wäre nicht damit geholfen, dass der Helfer selbst in Not gerät. Und auf eine Grabrede, dass ich “in Ausübung meiner Pflicht” ums Leben gekommen wäre, kann ich – und vermutlich jeder andere auch – verzichten.
Damit soll kein falscher Eindruck entstehen – ich weiß, dass ich als Helfer in der Pflicht stehe, und dem folge ich auch. Allerdings habe weder ich noch andere Helfer – egal ob Feuerwehr, Rettungsdienst, DLRG oder wer auch immer – so eine Art “Kamikaze-Vertrag” abgeschlossen. In der Ausbildung wird uns immer wieder eingebleut – “Selbstschutz geht vor!” Und manchmal muss man auf die Helfer warten, die entsprechend ausgerüstet sind (in dem Fall waren das die Rettungstaucher). Das ist hart, aber vernünftig. Gerettet wird so, dass niemand anderer mehr in Not gerät.
Was offenbar auch niemand bedenkt – die Angehörigen eines Helfers kann es hinterher besonders hart treffen. Nicht nur, dass sie einen lieben Menschen verloren haben, die Versicherungen können sich querstellen und die Zahlung verweigern, wenn der entsprechende Helfer beispielsweise gegen Standards verstoßen hat.
Meine persönliche Ansicht ist, dass wir mal wieder bei meinem Lieblingsthema angekommen sind, nämlich dem Bild von Rettungskräften in der Öffentlichkeit und wie dieses geprägt wird (Stichwort “Fernsehen“…). Dass die Jugendlichen ein offenbar falsches Bild von der Arbeit der Rettungskräfte haben, ließe sich in dem Fall noch verschmerzen, aber dass Journalisten auf den Zug aufspringen und daraus gleich einen “Skandal” machen, ohne die Stellungnahme der beschuldigten DLRG abzuwarten, ist ein Armutszeugnis. Sieht so der neue “Qualitätsjournalismus” aus, von dem alle reden? Aufgabe der Journalisten wäre es gewesen, beide Seiten zu betrachten und zu Wort kommen zu lassen. So werden die Helfer aber als Menschen dargestellt, die lieber Feierabend haben, als zu helfen und wenn sie sich dann dazu aufraffen, dann sind sie nur halbherzig bei der Sache und machen doch nix. Kein Wunder, dass sich immer weniger Menschen dazu bereitfinden, diese Arbeit zu machen.
Ich habe übrigens des strittigen Videobeitrag hier mit Absicht nicht verlinkt, weil ich das nicht möchte. Wer ihn sehen möchte, um sich ein eigenes Bild zu machen, der gehe bitte auf den Artikel von Andreas Lerg (oben verlinkt), er hat sowohl das Video als auch den “Anreißer-Artikel” verlinkt. Wenn der geneigte Leser mich nun bitte entschuldigen würde, ich muss gerade mal was gegen meinen Frust machen.
Wahnsinn: Irre Killer-Schlagzeile bringt Massen von Lesern!
Okay, ich gebe es zu, ich habe mich in die Gefilde des Boulevardjournalismus begeben. Aber ich konnte fast nicht anders, nachdem ich während der letzten Tage gleich zwei Erlebnisse hatte, die mich mit dieser Art des Journalismus quasi zusammenstoßen ließen. Und das geschah wirklich ohne mein Zutun. Anfang möchte ich allerdings von der Reihenfolge her anders herum.
Das zweite Ereignis, das mich letztlich dazu geführt hat, diesen Artikel zu schreiben, war mein Nachhauseweg vom Einkaufen. Dabei kam ich an einer Bäckerei vorbei, die einen so genannten “Aufsteller” vor der Tür stehen hatte. In dem Aufsteller ist das aktuelle Exemplar einer großen deutschen Tageszeitung präsentiert, die man auch in dieser Bäckerei kaufen kann. Nun ja, jemand hat mal gesagt, nicht nur der Magen, auch der Kopf braucht Ballaststoffe. Da die Hauptschlagzeile dieser Ausgabe mal wieder extrem groß geschrieben war, kam ich nicht umhin, sie zu lesen. Respektive, ich habe das erste Wort gelesen und hatte schon genug: “Killer-Orkan”, stand da. Offenbar war der vom Tief “Xynthia” ausgelöste Orkan, der vor ein paar Tagen über die Republik fegte, Inhalt des entsprechenden Artikels. Die vollständige Schlagzeile lautete “Killer-Orkan tötet 60 Menschen“. Internet sei dank konnte ich meine Vermutung durch Recherche untermauern. Und was wurde da gleich noch in einem zweiten Artikel geschrieben, der “Killer-Orkan”, der “Todes-Orkan”. das “Killer-Tief”, “irrsinnige Geschwindigkeit” (erinnert ein wenig an “Spaceballs” und die “wahnsinnige Geschwindigkeit“), gewürzt mit ein paar Fakten über Sturmschäden und Todesopfer in Deutschland und Europa. Und ein weiterer Artikel wurde gleich nachgereicht mit der Frage “Was ist mit unserer Erde los?“. In dem Artikel geht es nochmal um den Orkan, der hier mit anderen Wetterphänomenen (unter anderem Hurrikans und “El Niño“) vermengt und mit den zwei schweren Erdbeben (sic!) auf Haiti und in Chile in einen Katastrophentopf geworfen und zu einem “Hat Mutter Erde uns gar nicht mehr lieb?”-Report verhackstückt wurde. Zwar wird hier wenigstens nochmal auf die Auswirkungen des Klimawandels hingewiesen, aber sonderlich lehrreich ist es nicht.
Nun bedeutet das Wort “Killer” (aus dem Englischen “to kill” = “töten, morden”) wörtlich übersetzt “Mörder”. Ein Mörder ist jemand, der mit Vorsatz und aus niedrigen Beweggründen (zum Beispiel Habgier) jemand anderen von den Lebenden zu den Toten befördert. Nun ist sicherlich tragisch, was im Zuge des durch “Xynthia” verursachten Orkans passiert ist, aber eins können wir von vornherein ausschließen: dass es mit Vorsatz passiert ist. Wind hat keine eigene Meinung zu den Dingen im Allgemeinen und zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest im Besonderen. Aber “Killer-Orkan” verkauft sich nun mal eben besser. Man versucht dann zwar aus Versehen, den Leser doch ein wenig zu bilden, indem man über den Klimawandel berichtet (der Tatsächlich auch als “Wandel”, und nicht als “Katastrophe” bezeichnet wurde), verfällt dann aber der blödsinnigen Idee, die verschiedenen Klimaphänomene mit zwei Erdbeben zu vermischen. Dass Erdbeben andere Ursachen (unter anderem die Kontinentaldrift) haben, kann man wohl vernachlässigen, schließlich sind auch dort Menschen gestorben. Die Schnittmenge reicht. Und natürlich, welche Vokabel wurde verwendet, um den Artikel über das Erdbeben in Haiti zu überschreiben? “Killer-Beben“. Da sind wir wieder. Für das Erdbeben in Chile dachte man sich dann doch was Neues aus: “Monster-Beben“. Und warum der Artikel, in dem der THW-Chef fordern darf, dass man in Europa ein Unwetterwarnsystem einführen soll, nur 25 % aus neuen Bestandteilen, zu 75 % aber aus “Informationen” besteht, die teilweise wortgleich in anderen Artikeln schon mal aufgeschrieben wurden, bleibt eines der Geheimnisse des Lebens, die nie aufgeklärt werden – und das mit Recht! Offenbar gibt es jemand, dem das Prädikat “Artikel – jetzt mit 25% neuem Inhalt!!” ausreicht. Das hat ein bisschen was von einem Hit von “Modern Talking”, irgendwie ist es neu, aber irgendwie hat man es auch schon mal gehört. Aber auch “Xynthia” bekommt, was sie verdient – die Höchststrafe, Post von Wagner, Franz Josef Wagner, Kolumnist bei der in diesem Artikel nicht näher namentlich erwähnten Zeitung. Da sich das Wort “Kolumne” von dem lateinischen “columna” ableitet, was wörtlich “Säule” heißt, und Wagner sich darüber auslässt, dass man bei Stromausfall nicht mal den Notruf wählen kann, handelt es sich bei seinem Artikel dann um eine “Notruf-Säule”? Und wieso werden extreme Wettersituationen immer wieder mit Krieg verglichen? Warum das Wetter seiner Meinung nach in die “Irrenanstalt” gehört (dieser Begriff wird schon seit Jahrzehnten nicht mehr verwendet, man nennt diese speziellen Einrichtungen “Zentren für Psychiatrie”), behält er glücklicherweise gleich ganz für sich, es hätte sich sonst möglicherweise ein Logikparadoxon bilden können, dass einen Riss in der Struktur von Raum und Zeit verursacht hätte. Was hätte Xynthia einen Psychiater erzählen sollen? Dass zuviel CO2 in der Atmosphäre sie immer ganz hibbelig macht? Dass sie zu viele Killerspiele gespielt hat? Und was soll sie gegen ihre aufgestauten Aggressionen machen? Urschrei-Therapie?
Gehen wir nunmehr einen Schritt zurück, denn das erste Ereignis, das in letzter Konsequenz zu diesem Artikel führte, war ein Telefonat mit meiner amerikanischen Brieffreundin. Es war ein nettes Gespräch, und irgendwann fragte sie mich, ob ich mitbekommen hätte, was denn bei “ihnen” (sie redet von “us” immer, wenn sie die Vereinigten Staaten meint) passiert sei, da in Orlando. Ja, das hatte ich mitbekommen, eine Tiertrainerin war bei einer Nummer mit einem Schwertwal – auch Orca genannt – ums Leben gekommen. Mir fiel auf, dass sie sofort von einem “killer whale” sprach. Nun mag es sein, dass ich als Taucher etwas sensibilisiert bin, was solche Dinge betrifft, aber ich korrigierte sie – sowas wie “Killerwale” gibt es nicht, “Orcas” heißen sie richtig. Wollen wir doch mal sehen, wie die Fachpresse darüber berichtet… oh. “Killerwale“, wer hätte es gedacht? Aber Moment mal… war da nicht was? Ach ja, zu einer Zeit, als “Killerwal” noch “Killer-Wal” geschrieben wurde, war es eine Schlagzeile wert, dass ein Orca seine Trainerin gerettet hat.

Killer-Krokodilfisch lauert in seinem Versteck, um sofort und gnadenlos... abzuhauen, sobald man nur aus Versehen in seine Richtung hustet, der Dödel!
Soll ich Ihnen was sagen? Ich bin auch schon mal gefährlichen Tieren begegnet. In freier Wildbahn. Ja! Ich habe ein paar Killer-Rotfeuerfische beobachtet. Und auch ein paar Killer-Steinfische. Von dem Killer-Krokodilfisch mal ganz abgesehen. Und ich lebe noch. Glück gehabt? Oder bin ich vielleicht doch ein Held? Nein, vermutlich nicht. Ich habe mich einfach an die Regeln gehalten. Rotfeuerfische und Steinfische sind extrem giftig, deswegen vermeidet man einfach den Kontakt mit ihnen. Wie ich beim Lesen einschlägiger Fachliteratur herausgefunden habe, passieren die meisten Unfälle mit Rotfeuerfischen im Aquaristikbereich. Logisch, irgendwie müssen die Tiere ja ins Becken kommen. Und da haben wir eine Gemeinsamkeit mit den Orcas: Unfälle mit diesen Meeressäugern passieren mit Tieren, die in Gefangenschaft leben. Niemand würde aber auf die Idee kommen, einen Rotfeuerfisch als “Killer” zu bezeichnen, weil sein natürliches Verhalten passiv ist. Wenn er sich bedroht fühlt, fährt er seine Stacheln aus und wartet. Fasst man ihn an, sticht man sich und vergiftet sich über die Stacheln. Im Grunde genommen ist das Verhalten eines Orcas aber auch nur natürlich. Man muss bedenken, dass es sich hierbei um einen Riesen handelt im Vergleich zu einem Menschen. Der kann einem schon die Knochen brechen, auch wenn er einem nur einen freundlichen Klapps mit der Schwanzflosse mitgeben möchte. Es ist eben eine Naturgewalt, und der Mensch hat ihn aus seiner natürlich Umgebung entfernt. So wie die Regel bei den Rotfeuerfischen zur Unfallvermeidung lautet, dass man diese einfach nicht anfassen darf, könnte man sagen, die Regel bei Orcaslautet, dass man sie einfach nicht aus ihrer natürlichen Umgebung entfernen darf, um sie Dinge tun zu lassen, die nicht ihrem Naturell entsprechen. Dass Orcas als “Killer-Wale” bezeichnet werden, nur weil sie unter anderem Robben jagen, ist völliger Blödsinn, denn Nahrungsbeschaffung auf diese Weise machen alle Lebewesen, die Fleisch fressen. Da können wir gleich mal loslegen, den “Brehms Tierleben” umzuschreiben auf “Killer-Fuchs”, “Killer-Adler”, “Killer-Frettchen”… und so weiter.
Vermutlich verstehen wir diese Naturgewalten noch nicht genügend, oder es ist die Frustration des Menschen darüber, dass es Dinge gibt, die er nun mal nicht beherrschen kann, die etwas in ihm wach ruft, dass er Tieren, Wetterphänomenen und Erdbeben durch das Hinzufügen der kleinen Silbe “Killer” einen Willen unterstellt. Vielleicht ist es auch beides. Und im Boulevardjournalismus weiß man um diesen Effekt, deswegen wird er so inflationär gebraucht. Und leider mit Erfolg, denn als ich mit meiner amerikanischen Brieffreundin sprach und energisch darauf hinwies, dass es keine “Killer-Wale” gibt, meinte sie nur: “Wieso? Er hat doch die Trainerin getötet!” Hat er das? War es nicht vielmehr ein Unfall mit Todesfolge? Ein Unfall bei dem Versuch, eine Naturgewalt zu beherrschen.
Mit eine Rolle mag die immer stärker werdende Tendenz spielen, dass Menschen einen Schuldigen suchen. Im Falle des Orcas ist das recht einfach, das Tier hat “etwas gemacht”, bei dem ein Mensch zu Schaden gekommen ist. Bei Naturphänomenen wird es da schon schwieriger, aber es gibt es trotzdem. Zwar ist niemand an “Xynthia” und dem Orkan direkt “schuldig”, aber man kann ja mal feststellen, dass es in Deutschland (angeblich) kein Frühwarnsystem gibt. Skandal! Dabei hat es sehr wohl Warnungen gegeben. Also was? Und offenbar reicht die Forderung, ein solches Frühwarnsystem einzurichten, selbst nicht aus für einen ganzen Artikel, also kopiert man einfach Informationen aus einem alten nochmals hintendran.
Die ganze Hilflosigkeit des Menschen tritt aber bei Erdbeben zutage. Man kann hier wirklich niemanden verantwortlich machen, denn an Erdbebenfrühwarnsystemen wird schon seit langer Zeit gearbeitet, ohne dass diese zufriendenstellend arbeiten. Lediglich das Chaos, das nach einen verheerenden Erdbeben immer herrscht, kann man mit voyeuristischer Perfektion auseinander nehmen. Dabei wäre es vermutlich nicht mal anders, wenn ein ähnlich verheerender Erdstoß wie in Haiti oder Chile Deutschland treffen würde. Aber bestimmt fände sich eine Zeitung, die irgendwen dafür verantwortlich machen kann, dass man vorher nicht an nachher gedacht hat.
Wir müssen in unserem Denken ganz dringend etwas ändern, damit wir nicht mehr auf die “Killer-Artikel” anspringen, wenn sie präsentiert werden. Das ist auch ein Teil der Medienkompetenz, die von einigen Menschen immer wieder beschworen wird, und die in Deutschland dringend mehr werden muss. Denn jetzt mal Hand aufs Herz, da Sie diesen Artikel schon bis zu dieser Zeile durchgelesen haben: Wie sind Sie hergekommen? Hat Sie die Überschrift angelockt? Wenn ja, warum? Weil sie einen kritischen Artikel über Medienberichterstattung erhofft haben, oder weil sie auf irgendwelche Sensationen aus waren, die in den letzten Tagen noch nicht breit gewalzt wurden?
Denken Sie mal darüber nach. Denn das nächste Killer-Erdbeben, der nächste Killer-Orkan oder der nächste Unfall mit einem Killer-Tier kommt bestimmt. Und ach ja: Orcas sind keine Killer. Es sind Lebewesen, die genau einfach nur das tun wollen: Leben.
Update: Arrrgh! Hab ich’s nicht gesagt? Nein, so hab ich es leider nicht gesagt, denn bei meiner Aufzählung, was für “Killer” als nächstes kommen, habe ich die “Killer-Lebensmittel” vergessen. Das ist natürlich doppelt idiotisch, denn es sind ja nicht die Lebensmittel, sondern die in ihnen enthaltenen Bakterien, die gefährlich sind. Dieser Artikel wurde um 12:08 Uhr veröffentlicht. Und schon um 14:13 Uhr, also ziemlich genau zwei Stunden später, traf meine Prophezeiung ein. Vielleicht sollte ich Lotto spielen.
“Axolotl Roadkill”, Helene Hegemann und ein paar persönliche Ansichten von einem, der einfach nur nachdenkt
Liebe Leserin, lieber Leser, die ersten zwei Absätze dieses Artikels, in dem ich mir Gedanken über Helene Hegemann und den “Hype” um ihr Erstlingswerk “Axolotl Roadkill” machen möchte, können Sie getrost überspringen, falls Sie genau wissen, was sich zugetragen hat. Für jene, die das eventuell nicht wissen sollten, möchte ich, dem Vorwort einer Episode aus einem “Flash Gordon”-Serial der 1930er Jahre gleich, kurz rekapitulieren, was sich bislang zugetragen hat: Am Anfang stand ein Buch, das eine zu dem Zeitpunkt 16jährige junge Dame mit dem Namen Helene Hegemann verfasst hatte. Mittlerweile ist sie unter abfeiern einer total hippen Party 18 geworden und hat das Buch beim Ullstein Verlag unterbringen können. Und die Kritiker waren ad hoc begeistert. Nein, das ist falsch. Sagen wir, die “Berufskritiker” waren begeistert, hier sei beispielhaft auf die Kritik von Maxim Biller in der FAZ hingewiesen. Überschwänglich heißt es dort beispielsweise: “Sie zaubert Dialoge wie Mamet, schwärmt von einer Welt jenseits dieser Welt wie Kerouac, halluziniert so sadistisch wie de Sade – und ist am Ende dann doch Helene Hegemann, die ein Deutsch schreibt, das es noch nie gab…” Ähnlich äußerten sich viele andere. Hegemann wurde als “das Talent” der “10er-Jahre” hochgejubelt, an dem sich andere Autoren werden messen lassen müssen. Nun, auch die Figuren in meinen Romanen leiden (das gehört bei einer guten Geschichte fast mit dazu), aber ich möchte mich ungern an einer Geschichte messen lassen, in der die Selbstzerstörung von Charakteren so ausführlich exerziert wird wie dort. Sei’s drum, die Kritiker hatten ihr Urteil gebildet. Ein Wunderkind! Na endlich. Wurde aber Zeit. Das Wasser stand uns ja schon bis zum Hals! Bis zu dem Moment hätte ein Film über das Leben von Hegemann vermutlich mit ungefähr folgender Vorschau beworben werden können: “In einer Welt, in der die deutsche Literatur brachliegt, braucht es eine Frau, um alle Konventionen zu brechen…”
Gelebtes Chaos! Doch dann, auf leisen Sohlen, brach das Chaos zusammen. Interessante Überlegung: Wenn das Chaos zusammenbricht, ensteht dann Ordnung? Jedenfalls gab es einen Blogger mit Namen Deef Pirmasens, dem bei aller Begeisterung für “Axolotl Roadkill” gewisse Merkwürdigkeiten aufgefallen waren. So eine Art Déja-vu-Gefühl, das sich beim Lesen einstellte. Deef verglich Hegemanns Roman mit dem Roman “Strobo” des Bloggers Airen, für den er einige Vorlesungen ausgerichtet hatte – und siehe da, er fand etliche Passagen, die entweder wortgleich oder zumindest von der Umschreibung her zu ähnlich waren, um Zufälle zu sein. Zumal in der Menge. Also veröffentlichte er auf seinem Blog “Gefühlskonserve” einen Artikel, in dem er genau diese Zusammenhänge dokumentierte. Damit trat er eine Lawine los. Es stellte sich heraus, dass immer mehr Passagen in dem Buch nicht nur einfach von anderen “inspiriert”, sondern schlicht abgeschrieben und umgearbeitet waren, einschließlich des von der Kritik hochgelobten Briefs am Ende des Romans, den die Mutter der Protagonistin an selbige verfasst hatte; hierbei handelte es sich um den Text eines englischen Liedes, den Hegemann schlicht ins Deutsch übertragen und mit ein paar Schnörkel versehen hatte. Dann meldete sich das Magazin “Viceland“, bei dem Hegemann eine Kurzgeschichte mit dem Titel “Die Spiegelung meines Gesichts in der Erschaffung der Welt” veröffentlicht hatte. Selbige Geschichte war ebenfalls mehr als inspiriert von einem Film von Benjamin Teske, “Try a little Tenderness”. Es ließ sich sogar nachvollziehen, wo Hegemann diesen Film gesehen hatte. Diese wies mittlerweile den Verdacht von sich, den Roman “Strobo” zu kennen, doch es gibt einen Beleg, dass ihr Vater Carl Hegemann genau diesen bestellt und an ihre Adresse hat liefern lassen. Dank der ab dann immer häufiger werdenden Berichterstattung wurden dann auch Artikel ans Tageslicht befördert, die belegten, dass es keineswegs nur positive Kritiken gab (das Blog von “Lovelybooks” beispielsweise beschreibt “Axolotl Roadkill” als “zäh, abgestanden, wirkt zu keinem Zeitpunkt wirklich authentisch und kennt kein Hinten und kein Vorne.”). Und zuletzt sah sich Thomas Knüwer von “Indiskretion Ehrensache” genötigt, entgegen seinem ersten Vorsatz nun doch etwas zu dem Buch zu schreiben, nachdem sich wiederum ein anderer Journalist in der Pflicht sah, eine junge, aufstrebende Autorin vor dem bösen, bösen Internetdings in Schutz zu nehmen. Und dann war da noch der Auftritt von Hegemann bei Harald Schmidt, bei dem manche “Dirty Harry” als gar nicht so “dirty” sahen und sich uneins waren, ob er sie angesichts der Plagiatsvorwürfe hätte “härter rannehmen” müssen, oder ob er sie nicht gerade durch seine Gesprächsführung entlarvt hatte, da der Eindruck entstand, sie würde ihr eigenes Werk nicht kennen.
So weit, so gut. Oder auch nicht.
Auch ich habe mir meine Gedanken gemacht, und als ich auf meiner Facebook-Profilseite den Link zur Kritik über die Harald-Schmidt-Show veröffentlichte, nahm die Idee Gestalt an, vielleich mal einen Blogbeitrag dazu zu verfassen. Es kam ja eine gewisse Zeit nichts von mir auf dieser Plattform. Vielleicht haben einige Leser die Artikel gelesen, die hier anlässlich meines Romans “Quysthali, Buch 1. Eine Heldenreise” erschienen sind. In einem habe ich die Entwicklungsgeschichte aus einer ganz persönlichen Perspektive erzählt. Der geneigte Leser erfährt, dass ich diese Geschichte ebenfalls als Jugendlicher angefangen habe. Die erste Fassung, ein 500 Seiten starkes Manuskript, war damals sogar fertig, als ich selbst so ungefähr 17 oder 18 Jahre alt war. Allein, ich hatte ein Problem, das sich im Nachhinein – und vor allem im Hinblick auf Helene Hegemann – vielleicht sogar als Glücksfall entpuppen sollte: Ich hatte keine Eltern, die das Erstlingswerk ihres Nachwuchses als “Romandebüt eines Wunderkindes” an die Öffentlichkeit bringen konnten. Meine Eltern waren in so genannten “bürgerlichen” Berufen zu Hause. Ein Glücksfall war das aber deswegen, weil diese erste Version nichts weiter war als genau das – eine erste Version. Es gab Passagen, die sich an gängiger Fantasyliteratur orientierten (und in manchen Fällen mehr als orientierten) und man deutlich merkte, an welcher. Die Handlung selbst… wie kann man sie umschreiben? Vielleicht mit “zäh, abgestanden, wirkt zu keinem Zeitpunkt wirklich authentisch und kennt kein Hinten und kein Vorne.”
Ich selbst war natürlich begeistert von meinem Werk. Ich hatte alles weggelassen, was mich an den Vorbildern gestört hatte und mir einen Sprachstil angewohnt, den ich in Christan Wallners “Schatten über Herrenstein” angelesen hatte. Doch es gab ein weiteres Problem: Ich hatte nicht genügend eigene Erfahrungen, die ich einbringen konnte. Zwar war das Leben im Teenageralter – um es vorsichtig auszudrücken – alles andere als “sorgsam” mit mir umgegangen und ich musste ein paar Erfahrungen machen, die ich lieber nicht gemacht hätte, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich die richtig unterbringen konnte. Das Resultat war eine typische Einteilung in “gut” und “böse”, in Verbindung gebracht durch eine zusammengenagelte Handlung, die kaum Seele hatte. Und mit einem hatte ich den Vogel abgeschossen, ohne es selbst zu merken. Eine der Protagonistinnen hatte ich nach einem Mädchen gestaltet, in das ich mich damals verliebt hatte. Ich wollte für diese Figur einen besonders schönen Namen haben. Ein Name geisterte in meinem Kopf herum, aber ich hatte keine Ahnung, woher ich den hatte – also nannte ich sie… Arwen. Bevor die Frage kommt… ja, den “Herrn der Ringe” hatte ich auch gelesen. Aber dass Arwen dort eine wichtige Rolle spielte, war mir in dem Moment nicht präsent. Mal ganz davon abgesehen, dass ich die Raffinesse von Tolkiens Konzept um den “Einen Ring” nicht vollständig verstanden hatte.
Erst Jahre später wurde mir bewusst, woher ich mich da bedient hatte. Jahre, in denen die Geschichte liegenblieb. Ich hatte immer wieder mal neue Inspirationen, denn mittlerweile war ich älter, reifer und erfahrener. Ich fing an, Notizen zu machen und diese Inspirationen zu sammenln, um sie zu einem Werk zusammenzufassen. Aber es sollte 20 Jahre dauern, bevor ich von neuem anfing. In der Zwischenzeit hatte ich viel gelesen über Mythologie und mythologische Erzählstrukturen und auch den “Herrn der Ringe” verstand ich besser als zu meiner Jugendzeit. Mit ganz neuen Ideen bin ich dann ans Werk gegangen. Von der Geschichte von damals ist nicht mehr sehr viel übrig, die Figuren als solche haben überlebt, alle bis auf “Arwen” sogar mit dem damaligen Namen. Aber die Welt hat sich seit damals geändert, und wie man so schön sagt, “die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen”. Die Geschichte hat sich stark gewandelt, meinen neuen Erfahrungen angepasst. Aber es brauchte Zeit, damit ich diese machen konnte.
Wenn ich jetzt sehe, was mit “Axolotl Roadkill” losgebrochen ist, denke ich manchmal, dass mir vermutlich ähnliches mit meinem Erstling widerfahren wäre. Deswegen war es gut, dass er damals nicht veröffentlicht wurde. Dass diese Geschichte erwachsen werden durfte. Dass es wirklich meine Geschichte werden durfte. Damals hätte ich das nicht so gesehen. Verdammt, es waren 500 Seiten Manuskript! Ich war von mir selbst begeistert. Und eben, es war ja nicht sooo schlecht. Aber es hat halt nicht gereicht. Der große Unterschied zwischen mir und Helene Hegemann wäre zudem gewesen, dass man meine Vorbilder gekannt hätte, da sie der so genannten “Populärliteratur” entsprungen waren. Vermutlich wären die Kritiker allein schon deswegen nicht auf meiner Seite gewesen. Bei “Axolotl Roadkill” war das Vorbild nicht so bekannt, deswegen fiel es erst spät auf. Es musste erst jemand kommen, der das Original gut kannte. Und der zugleich die Möglichkeit hatte, das zu publizieren. Deswegen muss ich Thomas Knüwer (s.o.) auch zustimmen, wenn er schreibt, das Feuilleton sollte Deef Pirmasens dankbar sein für seinen Bericht, anstatt zu wettern, das “böse Internet” (wer auch immer das sein soll) wolle eine junge, hoffnungsvolle Autorin kaputtmachen.
Was ich damit sagen wollte: Ich kann es nur vermuten, aber ich schätze es ist so, dass der Werdegang jeden Autors der ist, dass er in jungen Jahren eine Geschichte nimmt, sie nacherzählt und etwas Eigenes einbaut oder Dinge weglässt, die ihm vielleicht nicht gefallen haben. So entsteht schließlich die Kreativität, etwas ganz eigenes zu erschaffen. Die Stufen dahin sind bei jedem unterschiedlich. Manche haben schon in jungen Jahren genug erlebt, um Romane glaubwürdig genug zu schreiben und glaubwürdige Geschichten zu entwickeln. Vielleicht war es bei Helene Hegemann ungeachtet ihrer vorherigen “Karriere” einfach noch zu früh. Insofern finde ich es ein interessantes Gedankenspiel, wie “Axolotl Roadkill” wohl ausgesehen hätte, wenn sie ihn 20 Jahre lang hätte bearbeiten und dann veröffentlichen können. Gut, müssen keine 20 Jahre sein, aber vielleicht noch ein paar mehr als es jetzt der Fall war.
Aber da kommen wir zu einem Problem, auf das sich das Feuilleton gestürzt hat wie die Geier auf den Kadaver – das Alter der Autorin. Airen, der Autor des Vorbilds “Strobo”, ist nun mal keine 17jährige “Newcomerin”. Sein Roman fand keinen großen Verlag und nach seiner Veröffentlichung im Kleinverlag keine große Beachtung bei den Kritikern. Aber kaum veröffentlicht besagte “Newcomerin” das Gleiche, überschlägt sich die Kritik mit den Lobesworten über Talent und Authenzität. Nun, Talent mag Hegemann haben, das kann ich nicht beurteilen (ich gebe zu, ich habe das Buch nicht gelesen, weil es nicht das ist, was ich unbedingt lesen möchte – aber ich vermute mal, dass Helene Hegemann mein Buch auch nicht gelesen hat, also was soll’s?), aber im Bezug auf Athenzität hat sich das Feuilleton selbst vorgeführt. Denn Airen sagte es in einem Interview selbst: “Das habe ich erlebt, nicht Helene Hegemann.”
Und gerade als dieser Artikel in meinem Kopf Gestalt annimmt, kommt eine Geschichte des Wegs, die uns in dem Zusammenhang den Spruch “mit zweierlei Maß messen” so ein bisschen vor Augen führt: Auch der (Drehbuch-)Autor Torsten Dewi sieht sich mit dem Vorwurf des Plagiats konfrontiert. Er und seine Co-Autorin sollen für den ZDF-Zweiteiler “Dr. Hope” über die historische Figur Hope Adams-Lehmann bei dem Werk einer Historikerin abgeschrieben haben. Merkwürdig: Während das Feuilleton es bei Helene Hegemann im Nachhinein “ganz okay” findet, dass sie sich bei Airen bedient hat, ohne die Quelle anzugeben, was ja schließlich der “Remix-Kultur des Internets” entspräche, läuft der Beißreflex bei “Dr. Hope” andersherum. Dewi raubt angeblich ungeniert das geistige Eigentum einer armen Wissenschaftlerin. Warum das Blödsinn ist, lese man bitte bei ihm selber nach (die Stellungnahme in seinem Blog “Wortvogel” ist oben verlinkt).
Und ich wundere mich über mich selbst, denn obwohl ich bisher mit “Don Alphonso” so gar nichts anfangen konnte, weil mir seine Kommentare und Attacken zum “Internetdings” und Journalisten immer eine Spur zu heftig waren, muss ich an dieser Stelle doch auf seinen Kommentar “Das Versagen des heiligen Feuilletons deutscher Nation vor dem Westviertel” verweisen, der das ganze Dilemma der “Hegemann-Story” sehr schon und anschaulich darlegt.
Was bleibt zum Schluss? Ein armes Axolotl, dem der ganze Rummel zu viel wird und das laut fordert: “He, ich kann nix dafür! Das ist ein angeborener Schilddrüsendefekt, versteht Ihr? Lasst mich in Ruhe!” Doch einen Vorteil hat das Axolotl, die vielen Schläge auf den Kopf, die es im Moment einstecken muss, machen ihm nicht so viel aus – Axolotl können Teile ihres Gehirn regenerieren. Aber vielleicht ist das eine Idee für einen neuen Charakter für die Muppet-Show – Axel Lotl, ein Schwanzlurch, der nie erwachsen wird, ständig Sketche für die Show bei anderen abschreibt, aber nach einem Schlag auf den Kopf alles wieder vergessen hat.
Teile des Gehirns regenerieren und Dinge vergessen… glückliches Axolotl.
