ASTERIX: „Der Papyrus des Cäsar“ – Band XXXVI

(c) Egmont Ehapa Verlag

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Schon seit ein paar Tagen ist das neueste Abenteuer des kleinen Galliers Asterix im handel zu haben, Band 36. Es trägt den Titel „Der Papyrus des Cäsar“ und ist der zweite Band, der von dem neuen Team Jean-Yves Ferri und Didier Conrad geschrieben wurde. Offenbar ist es bei „Asterix“ üblich, dass jedes zweite Abenteuer in der Heimat spielt, und nach der Reise zu den Pikten im vorigen Album ist nun also eine Geschichte dran, die innerhalb der Grenzen Galliens ihren Lauf nimmt. Gut, mit Einschränkung: Die Helden bleiben innerhalb der Grenzen Galliens, ihren Anfang nimmt die Geschichte aber in Rom, bei Julius Cäsar. Selbiger ist nämlich unter die Autoren gegangen. „Kommentare zum Gallischen Krieg*“ soll das Werk heißen und der Welt die Einzigartigkeit Cäsars vor Augen führen. Seinem Berater Syndicus stößt bei dem Werk nur eine Passage auf: das Kapitel „Rückschläge im Kampf gegen die unbeugsamen Gallier von Aremorica“. Haarklein und ziemlich ehrlich hat Cäsar hier seine Händel mit den Galliern um Asterix und Obelix aufgezeigt. Syndicus ist allerdings der Meinung, dass das niemand zu wissen braucht. Wenn Cäsar diese ganzen Sachen einfach verschweigt, wird er als Held dastehen. Und überhaupt – die Gallier! Wer in Rom weiß schon von denen? Cäsar stimmt zu und so wird eine Rolle aus dem Gesamtpapyrus entfernt. Allerdings gibt es einen nubischen Schreiber namens Bigdatha, der die Rolle in Sicherheit bringt und dem gallischen Aktivisten Polemix zuführt. Polemix will dieses Kapitel aus Cäsars Geschichte unbedingt an die Öffentlichkeit bringen, zuerst muss er sich aber vor den Römern retten. Dazu flüchtet er in das gallische Dorf, von dem in dem Papyrus so viel die Rede ist. Doch Syndicus lässt nicht locker und will die Herausgabe der Papyrusrolle mit Hilfe der Truppen, die um das gallische Dorf stationiert sind, erzwingen. Miraculix sieht nur eine Möglichkeit, die Wahrheit ans Licht zu bringen: Während das Dorf die römischen Legionen ablenkt, brechen er, Asterix, Obelix und Polemix in den Karnutenwald auf. Dort soll Archäopterix, der weiseste der Druiden, sich den Inhalt der Rolle einprägen, damit die Geschehnisse mündlich überliefert werden können…

Das neue Abenteuer nimmt – ganz in der Tradition von Asterix – neben den historischen auch deutliche Bezüge zur Gegenwart. Polemix etwa wurde nach dem Wikileaks-Aktivisten Julian Assange gestaltet und auch die Handlung lehnt sich an dessen Geschichte an: Unbequeme Wahrheiten, die die Regierenden gern verschweigen möchten, ein kleiner Einzelkämpfer aber ans Licht bringen möchte. Auch wird wieder Gegenwartstechnologie ins Asterix-Zeitalter übertragen, etwa mit den Brieftauben, die zum Versand von Kurznachrichten gedacht sind. Sehr originell finde ich auch die Idee, dass die Gallier ihr Horoskop lesen, das aber nicht nach Sternzeichen, sondern ganz in keltischer Tradition nach Bäumen aufgeteilt wird. Auch hier gibt es kritische Anmerkungen zum Zeitgeschehen, etwa wenn Methusalix und Obelix ihr Horoskop zu ernst nehmen und Miraculix dazu meint, dass es ein seltsames Phänomen sei, wenn die Menschen alles glauben, nur weil es aufgeschrieben wurde.

Der Geschichte selbst liegt eine raffinierte Idee zugrunde und Einzelgags, Runninggags und die Handlung selbst bilden eine gute Einheit. Die Gags wirken nie aufgesetzt oder in die Handlung hineingezwungen und die Übersetzung tut ihr übriges, den Spaß ins Deutsche herüberzubringen. Bestes Beispiel der Leistung der Übersetzung ist eine Kaskade von Wortspielen über Bäume in einer Szene, als sich ein paar Römer als Bäume tarnen, um das gallische Dorf auszuspionieren.
Natürlich ist nicht jede Szene und jeder Gag vollständig gelungen. Etwas merkwürdig fand ich beispielsweise die Einhörner im Karnutenwald**, aber nach dem Besuch in Atlantis in „Obelix auf Kreuzfahrt“ sind wohl auch pure Fantasy-Momente Teil des Asterix-Kosmos. Der Handlung geliegt es aber, die Schwächen auszugleichen, beziehungsweise, sie macht es einfach, darüber hinweg zu sehen.

Conrad, dem Zeichner, gelingt es immer noch, den Zeichenstil von Uderzo fast perfekt zu kopieren. Alle Figuren, die man bereits kennt, sehen exakt so aus wie von Uderzo gezeichnet, und neue Figuren passen sich perfekt in das Bild ein. Ein eigener Stil blitzt ab und zu, allerdings sehr selten einmal durch.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir das neue Album sehr gut gefallen hat. Es ist zwar kein großer Klassiker, aber eine gute Geschichte, die zu keinem Zeitpunkt langweilig wird. „Asterix“ befindet sich mit diesem Zeichner/Autoren-Team auf einem guten Weg. Habe ich was vergessen? Ach ja, die traditionelle Schlussformel, mit der man offenbar jede Asterix-Rezension beenden muss: BEIM TEUTATES!

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Am 5. November escheint die Luxusedition des Bandes, limitiert auf nur 999 Exemplare! Auf 128 Seiten finden sich das Comicabenteuer, ein umfangreiches Making-of und die Original-Bleistiftzeichnungen des neuen Asterix-Zeichners Didier Conrad. Diese Luxusedition erscheint im Überformat, mit Spotlackierung und in Leinen gebundenen Rücken. Sie kann hier bestellt werden.***

*= Das hat einen realen Hintergrund, denn der echte Julius Cäsar schrieb das Werk „Comentarii de Bello Gallico„. Cäsars „Macke“, die in den Asterix-Alben immer dargestellt wird, nämlich dass er von sich selbst in der dritten Person („er“) spricht, stammt aus dem „Bello Gallico“. Cäsar hat dieses tatsächlich auch in der dritten Person verfasst, um den Anschein der Objektivität vorzugeben.

**= Streng genommen muss man aber auch sagen: Da der Karnutenwald selbst in dieser Form nie existiert hat (Goscinny und Uderzo haben sich vom gallischen Volk der Karnuten und ihren Gebräuchen inspirieren lassen, den Wald allerdings erfunden), können dort selbstverständlich auch Einhörner leben. Ich fand’s nur ein wenig merkwürdig.

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2 Gedanken zu „ASTERIX: „Der Papyrus des Cäsar“ – Band XXXVI

  1. Frank

    Hallo Thorsten

    Zitat:
    Sehr originell finde ich auch die Idee, dass die Gallier ihr Horoskop lesen, das aber nicht nach Sternzeichen, sondern ganz in keltischer Tradition nach Bäumen aufgeteilt wird. Auch hier gibt es kritische Anmerkungen zum Zeitgeschehen, etwa wenn Methusalix und Obelix ihr Horoskop zu ernst nehmen und Miraculix dazu meint, dass es ein seltsames Phänomen sei, wenn die Menschen alles glauben, nur weil es aufgeschrieben wurde.

    Ja, dem muss ich zustimmen, dass die Menschen alles glauben, nur weil es aufgeschrieben wurde. Sogar, dass es keltisches Baumhoroskop gegeben hätte, nur weil es jemand mal aufgeschrieben hat:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Keltisches_Baumhoroskop

    Vielen Dank für diesen wirklich gut versteckten und wohl dosierten Schuss Ironie in Deinem Text, mit dem Du hervorragend die Medienkompetenz Deiner Leser testest. Ich dachte, so etwas würde nur Fefe in seinem Blog machen. Aber es ist schön, zu sehen, dass es noch weitere kritische Zeitgenossen gibt, die auch mit der Unreflektiertheit ihrer Mitmenschen spielen. Touché mein lieber Thorsten, touché.

    Und ja, mir ist bewusst, dass ich hier auch nur das geschriebene Wort als Beweis ins Feld führe, doch nutze ich es mit dem Hintergrund, dass ich das Wissen (aus diesem Artikel) bereits auf anderem Wege erworben habe und deshalb diese Seite referenzieren konnte, was den ohnehin schon sehr verschachtelten Anspielungen noch eine weitere Meta-Ebene hinzufügt. Denn am Ende läuft es ja doch nur darauf hinaus, was man glaubt, und ein jeder mag doch glauben, was immer er da will.

  2. Thorsten Reimnitz Beitragsautor

    Danke für das Kompliment! Tatsächlich verlangt auch Asterix von seinen Lesern immer noch eine starke Lesekompetenz, damit sie selbst Fakten und Fiktion trennen können. Insofern ist die Meta-Ebene in diesem Comic bereist besonders stark vorgegeben, da hier auch keine „Lösung“ vorgegeben wird, sondern die zwei Seiten einer Medaille vorgestellt werden: Die römische Seite, die sehr stark auf das geschriebene Wort vertrauen und die Gallier, denen mündliche Überlieferungen heilig sind. Dass beide Seiten manipuliert sein könnnen, diesen Schluss lässt man den Leser ziehen (auch wenn es einen Schlussgag in dem Album gibt, der der mündlichen Überlieferung augenzwinkernd einen kleinen Vorteil gibt).

    In der Geschichte muss man wirklich die historische Figur des Gaius Iulius Caesar von dem „Julius Cäsar“ der Comics trennen. Der historische Caesar brauchte keinen Berater mit namen „Syndicus“ (allein die Namensgebung sollte einen stutzig machen), der ihn darauf brachte, die „Comentarii de Bello Gallico“ so zu verfassen, dass die Schattenseiten rausfallen. Im Gegenteil, die „Comentarii“ waren reine Propaganda, mit der Caesar seinen Gallienfeldzug vor dem römischen Senat rechtfertigen wollte. Syndicus als Berater des Cäsar ist eher eine Anspielung auf heutige Begebenheiten, wo die neudeutsch „Spin Doctors“ genannten Berater politischer Größen dazu da sind, auch unangenehme Dinge in ein positives Licht zu rücken oder die Sache zu vertuschen. Dass der Druide Archäopterix sich den Papyrus einprägen kann, so dass dieser von Mund zu Ohr weitergegeben werden kann, zeigt in dier Geschichte, dass die Wahrheit auf unterschiedliche Weise ans Licht kommen kann.

    Mit dem „Baum-Horoskop“ hat Ferri natürlich einen Volltreffer gelandet: Er wollte damit einen satirischen Seitenhieb auf die Leichtgläubigkeit mancher Zeitgenossen geben, die ihr Horoskop in irgendeinem Magazin lesen und sich sklavisch daran halten (obwohl diese Horoskope regelmäßig von irgendwelchen Redakteuren aus dem Ärmel geschüttelt werden und zur Hauptsache aus Allgemeinplätzen wie „Sie sind heute besonders dynamisch, nutzen Sie die Chance!“ bestehen). Dass er das – historisch nicht existierende – so genannte „keltische Baumhoroskop“ herangezogen hat, verdoppelt das Ganze natürlich. Dass er sich sehr gut darüber informiert hat, merkt man aber daran, dass Obelix – und damit auch Asterix – im Zeichen der Eberesche geboren sein soll. Die Eberesche ist – unter anderem – der Baum für den Oktober, und Oktober 1959 erschien die erste Asterix-Geschichte.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Auch wenn die Geschichte – wie ich im Artikel schon schrieb – kein Klassiker ist wie zum Beispiel „Der große Graben“, ist sie doch Asterix im besten Sinne – man kann auch sagen, im besten „Hintersinne“. Es gibt sehr viele Anspielungen und sehr viel zu entdecken, verpackt in eine historische Geschichte mit satirischen Gegenwartsbezügen. Nach dem Totalausfall, der „Gallien in Gefahr“ war, tut es richtig gut, Asterix mit „Asterix bei den Pikten“ und „Der Papyrus des Cäsar“ wieder auf einem guten Weg zu sehen.

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