Wahnsinn: Irre Killer-Schlagzeile bringt Massen von Lesern!

Okay, ich gebe es zu, ich habe mich in die Gefilde des Boulevardjournalismus begeben. Aber ich konnte fast nicht anders, nachdem ich während der letzten Tage gleich zwei Erlebnisse hatte, die mich mit dieser Art des Journalismus quasi zusammenstoßen ließen. Und das geschah wirklich ohne mein Zutun. Anfang möchte ich allerdings von der Reihenfolge her anders herum.

Das zweite Ereignis, das mich letztlich dazu geführt hat, diesen Artikel zu schreiben, war mein Nachhauseweg vom Einkaufen. Dabei kam ich an einer Bäckerei vorbei, die einen so genannten „Aufsteller“ vor der Tür stehen hatte. In dem Aufsteller ist das aktuelle Exemplar einer großen deutschen Tageszeitung präsentiert, die man auch in dieser Bäckerei kaufen kann. Nun ja, jemand hat mal gesagt, nicht nur der Magen, auch der Kopf braucht Ballaststoffe. Da die Hauptschlagzeile dieser Ausgabe mal wieder extrem groß geschrieben war, kam ich nicht umhin, sie zu lesen. Respektive, ich habe das erste Wort gelesen und hatte schon genug: „Killer-Orkan“, stand da. Offenbar war der vom Tief „Xynthia“ ausgelöste Orkan, der vor ein paar Tagen über die Republik fegte, Inhalt des entsprechenden Artikels. Die vollständige Schlagzeile lautete „Killer-Orkan tötet 60 Menschen„. Internet sei dank konnte ich meine Vermutung durch Recherche untermauern. Und was wurde da gleich noch in einem zweiten Artikel geschrieben, der „Killer-Orkan“, der „Todes-Orkan“. das „Killer-Tief“, „irrsinnige Geschwindigkeit“ (erinnert ein wenig an „Spaceballs“ und die „wahnsinnige Geschwindigkeit„), gewürzt mit ein paar Fakten über Sturmschäden und Todesopfer in Deutschland und Europa. Und ein weiterer Artikel wurde gleich nachgereicht mit der Frage „Was ist mit unserer Erde los?„. In dem Artikel geht es nochmal um den Orkan, der hier mit anderen Wetterphänomenen (unter anderem Hurrikans und „El Niño„) vermengt und mit den zwei schweren Erdbeben (sic!) auf Haiti und in Chile in einen Katastrophentopf geworfen und zu einem „Hat Mutter Erde uns gar nicht mehr lieb?“-Report verhackstückt wurde. Zwar wird hier wenigstens nochmal auf die Auswirkungen des Klimawandels hingewiesen, aber sonderlich lehrreich ist es nicht.

Nun bedeutet das Wort „Killer“ (aus dem Englischen „to kill“ = „töten, morden“) wörtlich übersetzt „Mörder“. Ein Mörder ist jemand, der mit Vorsatz und aus niedrigen Beweggründen (zum Beispiel Habgier) jemand anderen von den Lebenden zu den Toten befördert. Nun ist sicherlich tragisch, was im Zuge des durch „Xynthia“ verursachten Orkans passiert ist, aber eins können wir von vornherein ausschließen: dass es mit Vorsatz passiert ist. Wind hat keine eigene Meinung zu den Dingen im Allgemeinen und zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest im Besonderen. Aber „Killer-Orkan“ verkauft sich nun mal eben besser. Man versucht dann zwar aus Versehen, den Leser doch ein wenig zu bilden, indem man über den Klimawandel berichtet (der Tatsächlich auch als „Wandel“, und nicht als „Katastrophe“ bezeichnet wurde), verfällt dann aber der blödsinnigen Idee, die verschiedenen Klimaphänomene mit zwei Erdbeben zu vermischen. Dass Erdbeben andere Ursachen (unter anderem die Kontinentaldrift) haben, kann man wohl vernachlässigen, schließlich sind auch dort Menschen gestorben. Die Schnittmenge reicht. Und natürlich, welche Vokabel wurde verwendet, um den Artikel über das Erdbeben in Haiti zu überschreiben? „Killer-Beben„. Da sind wir wieder. Für das Erdbeben in Chile dachte man sich dann doch was Neues aus: „Monster-Beben„. Und warum der Artikel, in dem der THW-Chef fordern darf, dass man in Europa ein Unwetterwarnsystem einführen soll, nur 25 % aus neuen Bestandteilen, zu 75 % aber aus „Informationen“ besteht, die teilweise wortgleich in anderen Artikeln schon mal aufgeschrieben wurden, bleibt eines der Geheimnisse des Lebens, die nie aufgeklärt werden – und das mit Recht! Offenbar gibt es jemand, dem das Prädikat „Artikel – jetzt mit 25% neuem Inhalt!!“ ausreicht. Das hat ein bisschen was von einem Hit von „Modern Talking“, irgendwie ist es neu, aber irgendwie hat man es auch schon mal gehört. Aber auch „Xynthia“ bekommt, was sie verdient – die Höchststrafe, Post von Wagner, Franz Josef Wagner, Kolumnist bei der in diesem Artikel nicht näher namentlich erwähnten Zeitung. Da sich das Wort „Kolumne“ von dem lateinischen „columna“ ableitet, was wörtlich „Säule“ heißt, und Wagner sich darüber auslässt, dass man bei Stromausfall nicht mal den Notruf wählen kann, handelt es sich bei seinem Artikel dann um eine „Notruf-Säule“? Und wieso werden extreme Wettersituationen immer wieder mit Krieg verglichen? Warum das Wetter seiner Meinung nach in die „Irrenanstalt“ gehört (dieser Begriff wird schon seit Jahrzehnten nicht mehr verwendet, man nennt diese speziellen Einrichtungen „Zentren für Psychiatrie“), behält er glücklicherweise gleich ganz für sich, es hätte sich sonst möglicherweise ein Logikparadoxon bilden können, dass einen Riss in der Struktur von Raum und Zeit verursacht hätte. Was hätte Xynthia einen Psychiater erzählen sollen? Dass zuviel CO2 in der Atmosphäre sie immer ganz hibbelig macht? Dass sie zu viele Killerspiele gespielt hat? Und was soll sie gegen ihre aufgestauten Aggressionen machen? Urschrei-Therapie?

Gehen wir nunmehr einen Schritt zurück, denn das erste Ereignis, das in letzter Konsequenz zu diesem Artikel führte, war ein Telefonat mit meiner amerikanischen Brieffreundin. Es war ein nettes Gespräch, und irgendwann fragte sie mich, ob ich mitbekommen hätte, was denn bei „ihnen“ (sie redet von „us“ immer, wenn sie die Vereinigten Staaten meint) passiert sei, da in Orlando. Ja, das hatte ich mitbekommen, eine Tiertrainerin war bei einer Nummer mit einem Schwertwal – auch Orca genannt – ums Leben gekommen. Mir fiel auf, dass sie sofort von einem „killer whale“ sprach. Nun mag es sein, dass ich als Taucher etwas sensibilisiert bin, was solche Dinge betrifft, aber ich korrigierte sie – sowas wie „Killerwale“ gibt es nicht, „Orcas“ heißen sie richtig. Wollen wir doch mal sehen, wie die Fachpresse darüber berichtet… oh. „Killerwale„, wer hätte es gedacht? Aber Moment mal… war da nicht was? Ach ja, zu einer Zeit, als „Killerwal“ noch „Killer-Wal“ geschrieben wurde, war es eine Schlagzeile wert, dass ein Orca seine Trainerin gerettet hat.

Killer-Krokodilfisch lauert in seinem Versteck, um sofort und gnadenlos... abzuhauen, sobald man nur aus Versehen in seine Richtung hustet, der Dödel!

Killer-Krokodilfisch lauert in seinem Versteck, um sofort und gnadenlos... abzuhauen, sobald man nur aus Versehen in seine Richtung hustet, der Dödel!

Soll ich Ihnen was sagen? Ich bin auch schon mal gefährlichen Tieren begegnet. In freier Wildbahn. Ja! Ich habe ein paar Killer-Rotfeuerfische beobachtet. Und auch ein paar Killer-Steinfische. Von dem Killer-Krokodilfisch mal ganz abgesehen. Und ich lebe noch. Glück gehabt? Oder bin ich vielleicht doch ein Held? Nein, vermutlich nicht. Ich habe mich einfach an die Regeln gehalten. Rotfeuerfische und Steinfische sind extrem giftig, deswegen vermeidet man einfach den Kontakt mit ihnen. Wie ich beim Lesen einschlägiger Fachliteratur herausgefunden habe, passieren die meisten Unfälle mit Rotfeuerfischen im Aquaristikbereich. Logisch, irgendwie müssen die Tiere ja ins Becken kommen. Und da haben wir eine Gemeinsamkeit mit den Orcas: Unfälle mit diesen Meeressäugern passieren mit Tieren, die in Gefangenschaft leben. Niemand würde aber auf die Idee kommen, einen Rotfeuerfisch als „Killer“ zu bezeichnen, weil sein natürliches Verhalten passiv ist. Wenn er sich bedroht fühlt, fährt er seine Stacheln aus und wartet. Fasst man ihn an, sticht man sich und vergiftet sich über die Stacheln. Im Grunde genommen ist das Verhalten eines Orcas aber auch nur natürlich. Man muss bedenken, dass es sich hierbei um einen Riesen handelt im Vergleich zu einem Menschen. Der kann einem schon die Knochen brechen, auch wenn er einem nur einen freundlichen Klapps mit der Schwanzflosse mitgeben möchte. Es ist eben eine Naturgewalt, und der Mensch hat ihn aus seiner natürlich Umgebung entfernt. So wie die Regel bei den Rotfeuerfischen zur Unfallvermeidung lautet, dass man diese einfach nicht anfassen darf, könnte man sagen, die Regel bei Orcaslautet, dass man sie einfach nicht aus ihrer natürlichen Umgebung entfernen darf, um sie Dinge tun zu lassen, die nicht ihrem Naturell entsprechen. Dass Orcas als „Killer-Wale“ bezeichnet werden, nur weil sie unter anderem Robben jagen, ist völliger Blödsinn, denn Nahrungsbeschaffung auf diese Weise machen alle Lebewesen, die Fleisch fressen. Da können wir gleich mal loslegen, den „Brehms Tierleben“ umzuschreiben auf „Killer-Fuchs“, „Killer-Adler“, „Killer-Frettchen“… und so weiter.

Vermutlich verstehen wir diese Naturgewalten noch nicht genügend, oder es ist die Frustration des Menschen darüber, dass es Dinge gibt, die er nun mal nicht beherrschen kann, die etwas in ihm wach ruft, dass er Tieren, Wetterphänomenen und Erdbeben durch das Hinzufügen der kleinen Silbe „Killer“ einen Willen unterstellt. Vielleicht ist es auch beides. Und im Boulevardjournalismus weiß man um diesen Effekt, deswegen wird er so inflationär gebraucht. Und leider mit Erfolg, denn als ich mit meiner amerikanischen Brieffreundin sprach und energisch darauf hinwies, dass es keine „Killer-Wale“ gibt, meinte sie nur: „Wieso? Er hat doch die Trainerin getötet!“ Hat er das? War es nicht vielmehr ein Unfall mit Todesfolge? Ein Unfall bei dem Versuch, eine Naturgewalt zu beherrschen.

Mit eine Rolle mag die immer stärker werdende Tendenz spielen, dass Menschen einen Schuldigen suchen. Im Falle des Orcas ist das recht einfach, das Tier hat „etwas gemacht“, bei dem ein Mensch zu Schaden gekommen ist. Bei Naturphänomenen wird es da schon schwieriger, aber es gibt es trotzdem. Zwar ist niemand an „Xynthia“ und dem Orkan direkt „schuldig“, aber man kann ja mal feststellen, dass es in Deutschland (angeblich) kein Frühwarnsystem gibt. Skandal! Dabei hat es sehr wohl Warnungen gegeben. Also was? Und offenbar reicht die Forderung, ein solches Frühwarnsystem einzurichten, selbst nicht aus für einen ganzen Artikel, also kopiert man einfach Informationen aus einem alten nochmals hintendran.

Die ganze Hilflosigkeit des Menschen tritt aber bei Erdbeben zutage. Man kann hier wirklich niemanden verantwortlich machen, denn an Erdbebenfrühwarnsystemen wird schon seit langer Zeit gearbeitet, ohne dass diese zufriendenstellend arbeiten. Lediglich das Chaos, das nach einen verheerenden Erdbeben immer herrscht, kann man mit voyeuristischer Perfektion auseinander nehmen. Dabei wäre es vermutlich nicht mal anders, wenn ein ähnlich verheerender Erdstoß wie in Haiti oder Chile Deutschland treffen würde. Aber bestimmt fände sich eine Zeitung, die irgendwen dafür verantwortlich machen kann, dass man vorher nicht an nachher gedacht hat.

Wir müssen in unserem Denken ganz dringend etwas ändern, damit wir nicht mehr auf die „Killer-Artikel“ anspringen, wenn sie präsentiert werden. Das ist auch ein Teil der Medienkompetenz, die von einigen Menschen immer wieder beschworen wird, und die in Deutschland dringend mehr werden muss. Denn jetzt mal Hand aufs Herz, da Sie diesen Artikel schon bis zu dieser Zeile durchgelesen haben: Wie sind Sie hergekommen? Hat Sie die Überschrift angelockt? Wenn ja, warum? Weil sie einen kritischen Artikel über Medienberichterstattung erhofft haben, oder weil sie auf irgendwelche Sensationen aus waren, die in den letzten Tagen noch nicht breit gewalzt wurden?

Denken Sie mal darüber nach. Denn das nächste Killer-Erdbeben, der nächste Killer-Orkan oder der nächste Unfall mit einem Killer-Tier kommt bestimmt. Und ach ja: Orcas sind keine Killer. Es sind Lebewesen, die genau einfach nur das tun wollen: Leben.

Update: Arrrgh! Hab ich’s nicht gesagt? Nein, so hab ich es leider nicht gesagt, denn bei meiner Aufzählung, was für „Killer“ als nächstes kommen, habe ich die „Killer-Lebensmittel“ vergessen. Das ist natürlich doppelt idiotisch, denn es sind ja nicht die Lebensmittel, sondern die in ihnen enthaltenen Bakterien, die gefährlich sind. Dieser Artikel wurde um 12:08 Uhr veröffentlicht. Und schon um 14:13 Uhr, also ziemlich genau zwei Stunden später, traf meine Prophezeiung ein. Vielleicht sollte ich Lotto spielen.

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