2008 – ganz neu

Manche wünschten sich heute um Mitternacht ein „frohes neues Jahr 1984“, im Hinblick auf schäuble’sche Begehrlichkeiten und die Vorratsdatenspeicherung, die ab dem Zeitpunkt galt. 2008 verspricht, interessant zu werden.

Gern wird Silvester / Neujahr von einigen Menschen für eine totale Zäsur genommen. Ab sofort wird dies und das sein. Bei vielen manifestiert sich das in Form von „guten Vorsätzen“, die zu „guten Fortsätzen“ mutieren, sich entzünden und schließlich operativ entfernt werden [ein Medizinerwitz: Wurmfortsatz = das, was der Laie als „Blinddarm“ bezeichnet, was aber nicht ganz korrekt ist, würde an dieser Stelle aber zu weit führen, also lassen wir’s]. Das völlig Trennen von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ hilft allerdings nicht weiter. Es geht nicht darum, weiterzugehen und die Tür hinter sich zu verriegeln, damit die Vergangenheit wegbleibt. Man muss mit ihr abschließen – und „abschließen“ ist etwas anderes als „verschließen“. Damit die Vergangenheit nicht das Monster ist, das ständig an der verschlossenen Tür kratzt, sondern vielmehr, dass sie den Boden bildet, auf dem wir in der Gegenwart in die Zukunft gehen können.

A propros „Zukunft“ – an diesem Tag ist es üblich, sich Ausblicken für 2008 zu widmen. Einer von meinen beiden Lieblingsautoren mit dem Nachnamen „Adams“ – nämlich Scott Adams – hat schon 1998 ein umfassendes Buch mit Zukunftsprognosen veröffentlicht: „Dilbert Future – Der ganz normale Wahnsinn geht weiter“. Natürlich handelt es sich dabei um Satire (wer Dilbert nicht kennt, kann ihn kennenlernen, indem er auf den „Dilbert-Button“ in der Seitenspalte dieses Blogs klickt), aber zwischen so genialen Kapiteln wie „Warum die Zukunft nicht so sein wird wie in Star Trek“ hat ein Abschnitt meine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. 2007 gab es nämlich in den Blogs unter anderem ein großes Thema: die (vermeintliche) Konfrontation zwischen Journalisten und Bloggern. Hochgekocht wurde das Thema unter anderem durch so provokante Artikel wie „Die neuen Idiotae“ der „Süddeutschen Zeitung“, in dem auf das Internet eingedroschen und die Blogger als „Querulanten und Freizeitaktivisten“ bezeichnet wurden. Entsprechend fielen die Reaktionen aus, wie man hier, hier, hier, hier und bei noch vielen, vielen anderen Bloggern nachlesen kann (ich entschuldige mich, dass ich nicht alle erwähnen kann, aber das würde den Rahmen sprengen – wer sich erwähnt sehen will, möge sich bitte bei den Kommentaren eintragen).

Scott Adams schrieb nun in „Dilbert Future“ einen Absatz über das Thema „Nachrichten in der Zukunft“. Sein Aufhänger war ein Erlebnis mit seiner Freundin, die beschlossen hatte, sich von allen Nachrichten abzukapseln, weil diese ihrer Meinung nach deprimierend und zum großen Teil ohne jeden Bezug zu ihrem Leben seien. Genau diesen Trend erkannte Adams nach diesem Erlebnis auch, nämlich dass vielfach nicht Dinge von Belang, sondern Dinge, die für die meisten von uns ohne Belang sind, ihren Weg in die Nachrichten fanden. Sein Paradebeispiel war der in den USA medientechnisch bis zum Umfallen ausgeschlachtete Prozess um O. J. Simpson. Nüchtern betrachtet war dieser Prozess eigentlich nichts anderes wie viele Prozesse, die in den USA tagtäglich stattfinden. Adams steigert sich (satirisch) in die Vorhersage, dass irgendwann, nur um gute Themen zu kriegen, die Journalisten anfangen werden, selbst Leute umzubringen. Dann werden sie geschnappt, eingesperrt – und das ist das Ende des traditionellen Journalismus. Und dann wird es – im Zusammenhang mit dem oben genannten Artikel der „Süddeutschen“ – wirklich interessant. Adams schreibt:

„Glücklicherweise wird das Ende der traditionellen journalistischen Berichterstattung uns den Zugang zu Informationen nicht verwehren. Dank der flächendeckend installierten Videokameras und dem Internet wird jeder Bürger zum Reporter. Wenn in Ihrer Nachbarschaft etwas passiert, nehmen Sie es auf, stellen es mit ein paar Kommentaren garniert ins Internet und machen es dadurch der ganzen Welt verfügbar. Sportberichte und Tabellen werden von Fans gemacht, die das liebend gerne umsonst tun. Wetterberichte werden vom Computer erzeugt und sind per PC, Pager, Voicemail und Dutzenden anderer Technologien jederzeit abrufbar. Damit wird die Ära der dezentralen Berichterstattung anbrechen. Prophezeiung: In der Zukunft wird jeder ein Reporter sein.

Adams weiter: „Die Leute werden auf ihren Rechnern Programme haben, die das Internet pausenlos nach für sie relevanten ’nebensächlichen‘ Nachrichten durchsuchen. Die Software wird rasch lernen, Berichte von Induviduos [Anmerkung: Adams-Terminus für „Idioten“] auszusieben, die wiederholt falsche Informationen ins Netz stellen. Sie werden zwar trotzdem noch relativ häufig erlogene und erfundene Storys erhalten, aber das ist heute ja auch nicht anders.“

Mal ganz davon abgesehen, dass diese Vorhersage vor 10 Jahren gemacht wurde, so ist es doch eine erfrischend andere Ansicht als das ewige „Journalisten contra Blogger“. Man wird das Bloggen nicht verhindern können, also warum nicht stattdessen eine Möglichkeit schaffen, dass man den Wahrheitsgehalt von Nachrichten wenigstens einigermaßen ermitteln kann. Adams nennt das den „Glaubwürdigkeits-Check“, eine Software, die den Inhalt von Nachrichten mit anderen Nachrichten abgleicht, um Unterschiede herauszufinden. Etwas ähnliches gibt es ja bereits, es heißt „Rivva„. Zwar wird da der Inhalt der Nachrichten nicht direkt verglichen, aber zu einem Thema werden verschiedene Quellen angegeben. Das Vergleichen muss der Leser noch selbst machen, aber hey! Wozu haben wir die graue Masse in unseren Köpfen?

In diesem Sinne, auf ein blog- und erfolgreiches Jahr 2008. Lest mal wieder…

Update: Das hab ich jetzt davon… prompt ist – von mir beim Schreiben des Beitrags leider unbemerkt – schon der erste Beitrag 2008 zum Thema „Journalisten contra Blogger“ aufgetaucht. Oder sollte man der Genauigkeit wegen sagen, der letzte Beitrag 2007, denn er wurde schon am 30.12.2007 veröffentlicht? Egal wie, es gibt ihn und es gibt eine Diskussion in verschiedenen Blogs darüber, deswegen sei hier darauf hingewiesen: „Der Fluch der Oberflächlichkeit“ schreibt Johannes Boie für jetzt.de. Dazu kommentieren F!XMBR („Potential verfehlt„), die Schnipseljagd („Anonymes Grundrauschen„), Deutschland-Debatte („Die Blog-Nabelschau„), Sargnagelschmiede („Digitaler Mob?„), Ringfahndung („Johannes Boie: Wo er Recht hat…„), Viralmythen („Verbale Störgeräusche, anonymisierende Bunker und virtuelle Schlägertrupps„) sowie Robert Basic („IntiBlogFada continues„), wobei letzterer sich darauf beschränkt, die Beiträge „Journalisten contra Blogger“ zu zählen und feststellt, dass vorgenannter Beitrag von Johannes Boie die Nr. 1 trägt.

Update 2: Ja, ist ja gut! Also, auch „Indiskretion Ehrensache“ wagt unter dem Titel „Die Trends des Jahres 2008 – Versuch einer Vorhersage“ eine Zukunftsprognose über Blogs und warum der Konflikt „Journalisten contra Blogger“ eher heftiger als sachlicher werden könnte. Und auf Blogbar gibt es unter dem Titel „Ins Nichts“ die Prognose, dass 2008 das Jahr der Exits wird, in dem bekanntere Blogger nach Chancen suchen werden, auf anderes umzusteigen.

Update 3: Noch’n Update – der „Elektrische Reporter“ bringt in seiner Ausgabe Nr. 44 ein Interview mit Frank Westphal über sein System Rivva: Elektrischer Reporter Nr. 44.

2 Gedanken zu „2008 – ganz neu

  1. Bernd

    Zu Eurem „Update“: es wird Zeit, darüber konkreter zu sprechen und nicht nur Artikel zu publizieren. Wenn wir als Blogger nicht zum klaren Handeln kommen, dann haben wir wieder einmal eine Chance verpasst.

  2. Pingback: STAR COMMAND » Einfache Lösungen für sehr komplizierte Probleme

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