Archiv für September 2007
Fluidtheorie durch Foton-Experiment in der Umlaufbahn bestätigt
Wenn es Forschern endlich gelingt, abstrakte Theorie auch mit praktischen Experimenten zu untermauern, ist dies Anlass zur Freude: so geschehen diese Woche, als ein Team aus italienischen und amerikanischen Wissenschaftlern mit Hilfe eines fluidwissenschaftlichen Weltraumexperiments an Bord der Fotonkapsel M3 eine vor zehn Jahren erstellte Theorie erstmals bestätigen konnte.
Obwohl sich die Kapsel erst seit einer Woche in der Umlaufbahn befindet, sorgen die Daten des Experiments GRADFLEX (GRAdient-Driven FLuctuation EXperiment) unter Wissenschaftlern bereits jetzt für Aufregung, denn die ersten Messungen stimmen mit den in den letzten zehn Jahren erarbeiteten detaillierten theoretischen Voraussagen qualitativ überein.
Flüssigkeiten unterliegen grundsätzlich winzigen Temperatur- oder Konzentrationsschwankungen, die auf die unterschiedliche Geschwindigkeit der einzelnen Moleküle zurückzuführen sind. Diese Schwankungen sind jedoch in der Regel so gering, dass man sie kaum beobachten kann.
In den 90er Jahren entdeckten Wissenschaftler, dass diese winzigen Schwankungen in Flüssigkeiten und Gasen steigen und sogar mit bloßem Auge wahrgenommen werden können, sobald ein starkes Temperaturgefälle hergestellt wird. Erreicht wird dies entweder, indem eine dünne Flüssigkeitsschicht von unten erwärmt wird, und zwar gerade so, dass keine Konvektion entsteht, oder durch Erwärmung der Flüssigkeit von oben, wobei Konvektion ebenfalls verhindert wird, so dass genauere Messergebnisse erzielt werden können.
Erste Forschungsergebnisse konnten zwar bereits bei Experimenten am Boden gewonnen werden, ein wesentlich deutlicheres Bild dieser Schwankungen wurde jedoch in schwereloser Umgebung erwartet. Mit der Foton-Mission bot sich nun die Gelegenheit, die Vorhersagen zu überprüfen, und die vorausgesagten wie die tatsächlichen Ergebnisse erwiesen sich als deckungsgleich.
„Die ersten Aufnahmen des Experiments wurden zum Nutzlastbetriebszentrum im schwedischen Kiruna gesendet und konnten bereits nach wenigen Erdumrundungen am Boden empfangen werden“, erläuterte Professor Marzio Giglio, der einem Team aus Wissenschaftlern des Physikalischen Instituts der Universität Mailand und des CNR-INFM (Istituto Nazionale per la Fisica della Materia) vorsteht.
Die Aufnahmen erbrachten nun zur Freude der Wissenschaftler die visuelle Bestätigung ihrer theoretischen Vorhersagen, denn sie zeigten einen deutlichen Anstieg der Schwankungen. Die Datenanalyse ergab ferner einen erheblichen Anstieg des Ausmaßes der Schwankungen in Bezug auf Temperatur und Konzentration.
„Es kommt nur selten vor, dass eine theoretische Vorhersage anhand einer Weltraummission in einer derartigen Rekordzeit bestätigt werden kann“, erklärte Olivier Minster, Leiter der ESA-Abteilung für physikalische Grundlagenforschung. „Diese Ergebnisse sind für uns deshalb so wichtig, da sie die von uns bereits vor zehn Jahren vorhergesagten Auswirkungen erstmals beweisen.“
„Die Aufnahmen aus der Foton-Kapsel ermöglichen eine Neuausrichtung unserer Forschungen, so dass wir die wissenschaftliche Ausbeute dieser Mission weiter optimieren können“, so Professor David Cannell von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara (UCSB). „Nach Bergung der Experimente werden wir in unseren Labors noch viele Tausend Aufnahmen zu analysieren haben, womit wir sicherlich noch eine Weile beschäftigt sein werden.“
„Unsere Ergebnisse könnten auch andere Bereiche der Schwerelosigkeitsforschung beeinflussen, wie etwa das Wachstum von Kristallen, und vielleicht sogar neue Technologien außerhalb der Raumfahrt ermöglichen“, vermutet Professor Giglio.
GRADFLEX ist eines von 43 wissenschaftlichen und technologischen ESA-Experimenten an Bord der zwölftägigen Foton-M3-Mission, die mit dem Wiedereintritt der Kapsel in die Erdatmosphäre und der anschließenden Landung in Kasachstan am 26. September zu Ende gehen wird. Die Bordexperimente werden daraufhin wieder den einzelnen Forschungsinstituten ausgehändigt, wo sie in den kommenden Monaten sorgfältig ausgewertet werden.
Links:
Foton-Mission zur Schwerelosigkeitsforschung hebt ab
http://www.esa.int/esaCP/SEMQDB13J6F_index_0.html
Europäische Experimente startbereit zur Mission Foton-M3
http://www.esa.int/esaCP/SEMN5ZMPQ5F_FeatureWeek_0.html
Pressemitteilung: (c) by ESA
Nachlese: Blicke auf die Demonstration “Freiheit statt Angst” vom Samstag
Nachdem offenbar auch Nachrichtenagenturen auf falsche Teilnehmerzahlen hereingefallen sind und Magazine (gedruckt und im TV) die Demonstration “Freiheit statt Angst” gegen den “Überwachungswahn” für nicht so wichtig hielten, als dass man ihr angemessenen Raum geboten hätte, hier eine kleine Auslese von Berichten. Leider kam es – wie schon häufiger – am Rand der Demonstration zu Rangeleien. Auch darüber geben die Berichte ein Bild ab:
freiheitstattangst.de – Der ursprüngliche Aufruf zur Demonstration
heise online: “Tausende Bürger demonstrieren für ‘Freiheit statt Angst’”
netzpolitik.org: “Größte Demonstration für mehr Datenschutz seit 20 Jahren” und “Meine Rede bei der ‘Freiheit statt Angst’-Demonstration”
farliblog: “‘Freiheit statt Angst’-Demo in Berlin” [hier ist besonders die Diskussion zur Demo in den Kommentaren interessant]
silentblog: “Demo für mehr Datenschutz und Freiheit” [nennt die Seiten, die mit unterschiedlichen Teilnehmerzahlen hantieren]
Blog Age: “Ganz offline: Demo gegen Datenspeicherung” [verweist auf weitere Berichte und Seiten mit Bildern]
klitsch.net: “15000 waren heute auf der Straße” [mit Bildern der schönsten Schäuble-Parodien, u. a. als "Big Brother" aus "1984"]
Hanno’s Blog: “Der doofe Block” [über die Provokateure der Rangeleien - auf Seiten der Demonstranten und der Staatsmacht]
“Santa Isabel” – Hinweis auf eine Hotel-Rezension
Ein Hinweis selbstreferenzieller Art: Unser Blog-Autor und -Initiator hat auf dem EP-Blog, dem Blog zum Europa-Park, eine Rezension über das neue Hotel “Santa Isabel” geschrieben. Da er am Anfang seines Beitrags so nett schreibt, dass es zu seiner derzeitigen persönlichen Situation passt, in einem Hotel, das im Stil eines portugiesischen Klosters gestaltet ist, zu übernachten, haben wir, seine wackeren Mitstreiter, beschlossen, für den Artikel hier etwas Werbung zu betreiben. Auch wenn der Zwei-Tages-Ausflug seinem Bekunden nach schon sehr hilfreich war, was sein Befinden betrifft, vielleicht muntert ihn das noch etwas mehr auf.
Den ganzen Artikel “Santa Isabel: Das portugiesische Kloster im Europa-Park” gibt es hier zum Nachlesen.
Wie heißt das Gegenteil von “schmutzigen Bomben”?
Ein kurzer Artikel zu der von Innenminister Schäuble aufgeworfenen Diskussion um so genannte “schmutzige Bomben”. Diese Sache wird vom “Spiegelfechter” schon sehr gut kommentiert (siehe hier), deswegen beschränken wir uns auf zwei Fragen zum Nachdenken:
1. Wenn es “schmutzige Bomben” gibt, was sind dann “saubere Bomben”? Explodieren die, ohne Sachschaden, Verletzte oder Tote zu hinterlassen?
2. Wie man hört, soll Bundeskanzlerin Merkel den Innenminister und den Verteidigungsminister “intern” zur Ordnung gerufen haben wegen ihrer merkwürdigen öffentlichen Äußerungen in letzter Zeit. Öffentlich jedoch stellt sie sich hinter ihre Minister, um Führungsstärke zu demonstrieren. Wäre es nicht eher ein Zeichen von Führungsstärke gewesen, die Zurechtweisung auch öffentlich machen, um allen klar zu zeigen, dass die zwei Minister zu weit gegangen sind und sie das Ruder in der Hand hat?
CSI: “Wachet auf”
Noch letzte Woche habe ich mir überlegt, in welchen Abständen ich über die neue CSI-Staffel schreiben sollte. Heute allerdings hat die Serie die Frage selbst beantwortet. “Wachet auf” beschreitet einen neuen Weg in der Serie. Zu Beginn finden wir uns im Leichenschauhaus wieder. Zwei tote Frauen liegen nebeneinander auf ihren Bahren. Doch plötzlich erheben sie sich und fangen an, sich zu unterhalten, wer sie waren, als sie noch lebten und wie sie zu Tode kamen. Später kommen noch weitere Opfer dazu, und auch sie haben eine Geschichte. Eine weitere Neuerung ist, dass jeder Abschnitt seine eigene Überschrift erhält. In “American Beauty” geht es um eine Personenschützerin, die man tot in einem Lift findet. Das Merkwürdige: Offenbar ist sie ertrunken. “Hirnlos” handelt vom tödlichen Klippensturz einer Frau, die offenbar depressiv war und vor dem Ausflug auf die Klippe noch Medikamente in Kombination mit Alkohol zu sich genommen hat. In “Heute wird einbalsamiert” wird ein Marine beim Tanken seines Autos niedergestochen. Der Täter rast kurz darauf in ein Polizeiauto und stirbt selbst. Unklar ist das Motiv und wie es zu dem Unfall kam. “Das Nevada-Kettensäge-Massaker” erzählt von zwei Toten, die mit einer Kettensäge umgebracht wurden (wie der Titel es schon sagt). Eine Verdächtige findet sich in der Ehefrau des einen Mannes, die aber ein hieb- und stichfestes Alibi hat. Das Resümee der Folge zieht am Schluss Gil Grissom persönlich, der die Fälle ein paar Studenten vorstellt…
Ganz ehrlich: Ich bin begeistert. Diese Folge vereint mehrere gute Einfälle, allein die Idee, die Toten zu Wort kommen zu lassen, ist genial. Die Einteilung der Folge in Kapitel ist ungewohnt, weil im Gegensatz zu den üblichen Folgen ein Handlungsstrang allein verfolgt wird und sie sich nicht überschneiden, aber es arbeitet dieser Folge zu. Außerdem werden erstmals Fälle präsentiert, die eine relative geradlinige Lösung haben und ohne ständige Wendungen auskommen. Gute, solide Polizeiarbeit mit Bodenhaftung eben, auch wenn die Fälle (besonders der mit der Kettensäge) natürlich etwas außergewöhnlich sind. Diese Folge beweist, dass die Autoren noch immer gute Ideen haben und aus der Serie noch lange nicht die Luft raus ist.
Die Bahn… kommt? oder “Es fährt ein Zug nach nirgendwo…”
Groß im Gespräch ist derzeit die Privatisierung der deutschen Bahn, obwohl man ja bereits unter dem Namen “Bahn AG” firmiert. Groß angepriesen als das Allheilmittel schlechthin für alle Probleme der Bahn werden nun immer mehr Stimmen laut, die dieses kritisieren. Und auch sonst ist das Geschäftsgebaren des Möchtegern-Global-Players [furchtbares Wort!] in die Schusslinie geraten. Die NachDenkSeiten haben schon vor einigen Tagen einen kritischen Kommentar zu einem Artikel der BILD-Zeitung abgegeben, in dem diese Privatisierung in den höchsten Tönen gelobt und Kritiker generell als “Ewiggestrige” verunglimpft werden. Und FRONTAL 21, das Magazin im ZDF, hat diese Woche in einem Beitrag zusammengestellt, wie es jetzt schon aussieht in deutschen Bahnlanden und was uns noch alles drohen kann.
Und als Einwohner einer Stadt, die zwar einen Bahnhof, aber keine Schienen mehr hat, die dorthin führen, kann ich sagen: Ja, es ist so schlimm, wie es dargestellt wird!
Online-Auktion: Möchte jemand Belgien haben?
Ich versteigere ja auch dies und das bei eBay. Manchmal bin ich überrascht, wie viel manche Dinge für andere noch wert sind. Manchmal bin ich auch überrascht, wie wenig dafür andere Sachen einbringen. Aber ich habe noch nie versucht, ein ganzes Land zu versteigern. Das mag damit zusammenhängen, dass ich keines besitze [wenngleich jemand in meinem Bekanntenkreis sich mit seiner Familie den Scherz erlaubt hat, ich würde "von" heißen, mein Adelstitel wäre mir aber peinlich, so bin ich doch nicht der Souverän eines Landes, nicht mal eines Landstrichs; und auf den zweiten Blick gesehen ist das vermutlich auch besser so!]. Nun wurde bei dem Internet-Auktionshaus aber Belgien zur Versteigerung angeboten.
Hinter dem Ganzen steckt eine Aktion des belgischen Reporters Gerrit Six. Der ist frustriert über die Zustände in seinem Land, denn 100 Tage nach der Wahl (!) ist man dort weiterhin unfähig, eine Regierung zu bilden. Nach 100 Tagen wird bei uns schon Bilanz gezogen… Auf diesen Missstand wollte Six aufmerksam machen und entsprechend zynisch bis scharf formuliert war sein Angebot: “Sie bieten auf ein Königreich in drei Teilen”, hieß es dort. “Mit einem einzigen Nachteil: 300 Mrd. Euro Staatsschulden.” Doch das war nicht wirklich der einzige Nachteil, denn der Reporter schob nach: “Belgien besteht aus Flandern, Brüssel und Wallonien. Es kann als Ganzes gekauft werden, das ist aber nicht ratsam.” Denn genau das ist der Hauptgrund, warum das Land auch nach 100 Tagen noch keine Regierung hat, nicht der Streit um unterschiedliche Parteiprogramme, sondern dass sich französische und flämische Politiker um die Verteilung von Geldern streiten.
Der Startpreis für Belgien war 1,00 Euro. Innerhalb von drei Tagen boten 26 Mitglieder auf das Land und trieben den Preis bis auf 10 Millionen Euro hoch, bevor eBay das Angebot stoppte, weil man dort nichts anbieten dürfe, das “virtuell” sei oder einem nicht gehöre.
Eine interessante Aktion, wie ich finde, die ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Vielleicht können wir aus Deutschland auch etwas anbieten?
“Sie bieten auf ein Grundgesetz, billig abzugeben, weil nicht mehr benötigt…”
Weitere Informationen: FTD, stern, sueddeutsche.de
