Archiv für Juli 2006
Begegnung mit dem Freund und Helfer
Wenn man im Rettungsdienst arbeitet, hat man beruflich auch mal wieder mit der Polizei zu tun. Bei Unfällen und natürlich Straftaten ist sie immer mit vor Ort. Wenn wir mitten auf der Straße einem verunglückten Motorradfahrer helfen, sorgt sie dafür, dass kein gaffender Autofahrer über uns drüber fährt, sie ermitteln Personalien und nehmen Spuren auf.
Nun hatte ich die Gelegenheit, auch mal eine andere Seite kennenzulernen. Nicht dass ich mich darum gerissen hätte, aber leider musste es sein, dass ich bei der örtlichen Polizei-Dienststelle vorstellig werde und meinen Fall vorbringe. Worum es ging? Offenbar ist ein behördlich nicht ganz unbekannter Jung-Unternehmer mit Namen K. über einen Hostingservice an eine Menge Adressdaten gekommen. Das Resultat davon war, dass auch ich (so wie eine Menge anderer Menschen, die sich im Internet tummeln) eine eMail erhielt, in der mir für meine “Bestellung” gedankt wurde und dass ich binnen einer gewissen Frist einen Betrag von 109,90 Euro zu zahlen habe, damit ich meine (Zitat) “10 Top DVDs” möglichst bald bekomme. Nach dem ersten Schreck und einer genaueren Betrachtung der angegebenen Seite, auf der ich angeblich die Bestellung getätigt habe kam ich zu dem Schluss, dass hier offenbar Betrug vorliegt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir noch nicht erklären, wie K. an meine Adresse gekommen ist, aber so viel hätte da gar nicht dazu gehört: Wenn ich jemandem was böses gewollt hätte, dessen Adresse und eMail ich kenne, hätte diese Daten einfach in einem Formular auf der Seite eintragen können, ein Häkchen hinter “AGBs akzeptieren” machen – abschicken – fertig! Dann hätte auch diese Person eine “nette” Rechnung gekriegt.
Die Mail und die als PDF angehängte Rechnung hatten eine gewisse Raffinesse: es wurde behauptet, ich hätte die Bestellung vor ungefähr einem Monat gemacht, mein 14tägiges “Rücktrittsrecht” von dem Vertrag war damit längst verstrichen.
Dann habe ich etwas im Internet gesucht und bin auf verschiedene Foren gestoßen. Zum einen durfte ich feststellen, dass K. kein unbeschriebenes Blatt ist, diese Masche ist seine dritte, vierte oder fünfte Abzocke (die letzte große Aktion fand im März diesen Jahres statt). Zum anderen las ich, dass es vielen Leuten genau so gegangen ist wie mir und so langsam kristallisierte sich heraus, aus welcher Quelle K. die Adressen hatte. Tatsächlich landete die Rechnung nicht in meinem “regulären” Mailfach, sondern in einem, das ich nur für ein ganz bestimmtes Projekt verwende. Darin ist ein Hostingservice verwickelt, der aber seinerseits offenbar von K. betrogen worden zu sein scheint und nun selber Schritte gegen diesen Herrn – der offenbar übrigens ein “UZWA” (=”unter zwanzig”) ist – eingeleitet hat.
In einigen Foren wurde auch der Ansprechpartner der zuständigen Polizeibehörde für Herrn K. genannt und es wurde empfohlen, eine Anzeige wegen versuchten Betrugs zu machen. Genau dieses habe ich dann gemacht. Der Beamte vom örtlichen Polizeirevier war sehr freundlich und hat meine Anzeige aufgenommen. Allerdings war da ein merkwürdiges Gefühl für mich dabei. Ich weiß nicht warum, aber es kam mir so vor, als würde ich jemanden “in die Pfanne hauen”. Jemandem die Ermittlungsbehörden auf den Hals zu hetzen ist schon eine harte Sache. Aber ich musste mich auf der anderen Seite daran erinnern, dass hinter dem, was K. tut, eine starke kriminelle Energie steckt. Laut dem Betreiber des Hostingservice hatte K. womöglich Zugriff auf bis zu 40.000 Adressen. Egal wieviele davon er angeschrieben hat, wenn davon nur 100 im ersten Schreck zahlen, sind das schon 10.990 Euro, die auf K.s Konto gespült werden. In einem Forum habe ich ein Gespräch zu einer früheren Masche mit ihm gelesen, in dem er unverblümt zugibt, er brauche Geld für sein Projekt und (Zitat) “es ist mir egal, woher das Geld kommt.” (Vollständiger Text zum Thema “Der Beschiss liegt darin, dass man Scheiß kauft” siehe hier!)
Auch logisch betrachtet ist das ganze leicht zu entlarven: Wer würde denn für 109,90 Euro eine “DVD-Wundertüte” kaufen? Auf der Seite wurden zwar die Cover einiger DVDs eingeblendet, aber was man da zum Beispiel kriegen könnte, wurde im Text nicht erwähnt. Noch dazu, da es in den AGBs hieß, man habe keinen Anspruch auf ein bestimmtes Produkt. Woher will ich dann wissen, dass ich von den 10 DVDs, die ich dann kriege, nicht schon 8 habe? Und der Gipfel: einige Leute in den Foren, in denen über diese Masche diskutiert wurde, gaben an, noch nicht einmal einen DVD-Player zu besitzen.
Mir persönlich hat es sehr geholfen, dass der Polizeibeamte sich in Ruhe und ohne Stress hingesetzt hat, zuerst habe ich ihm geschildert, was war und was ich im Internet erfahren und herausgefunden habe, dann hat er meine Personalien und den Fall aufgenommen. Er unterstützte es auch und meinte, diesen Leuten könne man nur beikommen, wenn sich möglichst viele bei der Polizei melden, denn wenn das nur drei oder vier tun, stellt sich das dem Staatsanwalt womöglich wie eine technische Panne dar, wie sie im Internet nun mal passieren könne. Inzwischen gilt mein Mitgefühl dem Beamten der zuständigen Polizeibehörde in H., der schon bei den vorigen Abzock-Versuchen viel aufzunehmen hatte und jetzt schon wieder massenhaft Anzeigen bearbeiten darf. Und das alles wegen einem “Jungunternehmer”, der so dringend Geld braucht, dass es ihm egal ist, wo es herkommt und der offenbar den Hals nicht vollkriegt.
Ich persönlich hoffe, dass ich nicht so bald wieder in die Verlegenheit komme, Anzeige gegen jemanden erstatten zu müssen. Aber manchmal muss es eben sein. Schade, dass Vernunft und menschliches Miteinander es nicht ermöglichen, ohne auszukommen. Da haben die Menschen noch einen weiten Weg vor sich.
Eine Zusammenfassung zu dem Fall findet sich auf der Seite dialerschutz.de.
Höflichkeit gegenüber dem Künstler
Manche Menschen wissen, dass ich ein regelmässiger Besucher des EUROPA-PARKs bin. So wie auch gestern wieder, als der Park von 9.00 bis 24.00 Uhr geöffnet hatte. Es war ein toller, wenngleich auch ermüdender Tag (und das Chaos am Parkplatz bei der Ausfahrt wollen wir hier mal außer Acht lassen). Allerdings ist mir etwas anderes aufgefallen.
In der Spanischen Arena des Parks findet dieses Jahr eine Gladiatoren-Show statt: “Spartakus – Eine Heldenstory”. Ich habe dabei Menschen gesehen, die im gestreckten Gallop ihres Pferdes sich aus dem Sattel schwangen, mit den Füßen kurz den Boden berührten und sich über den Rücken des Pferdes hinweg auf die andere Seite stießen. Andere droschen mit Metallwaffen aufeinander ein, wurden in den Sand der Arena geworfen oder gegen Wände geschleudert. Eine Darstellerin hat sich den Unterarm blutig geschrammt. Und der Darsteller des Hauptbösewichts “Crassus” wurde am Ende der Aufführung hinter einem Streitwagen her durch den Sand gezerrt.
Eine ehrliche Frage an jene, die diese Zeilen lesen: Wer hätte eine oder gar mehrere dieser Sachen auch vollbringen können?
Nun, der Schreiber dieser Zeilen hätte jedenfalls nichts davon tun können (gut, sagen wir, ich hätte es versuchen können, allerdings nicht, ohne mich schwer zu verletzen). Deswegen sollte man diesen Menschen, die das tun, auch eine gewisse Anerkennung zollen. Sicher, sie kriegen Geld dafür, dass sie das machen, aber wie sagt man so schön? “Der Lohn des Künstlers ist der Applaus.” Bei diesen Shows ist es üblich, dass die Darsteller am Ende vorgestellt werden. Nicht alle einzeln, aber sagen wir mal, die wichtigsten. Jedenfalls ist das der rechte Zeitpunkt, um nochmal seiner Begeisterung über die Show Ausdruck zu verleihen.
Als ich gestern in der Show saß und die Vorstellung vorbei war, setzte jedoch das ein, was ich schon häufiger erlebt habe: Kaum hatte der Sprecher den Satz “Sie sahen eine Show…” angefangen, als einige Menschen wie von der Tarantel gestochen von ihren Sitzen aufsprangen und versuchten, in Richtung Ausgang zu strömen. Sie wollten, wie sich herausstellte, weiter zum nächsten “Event”, dem großen Feuerwerk. Die Ordner der Arena versuchten, die Leute zurück zu halten und versicherten, das Feuerwerk werde nicht anfangen, bevor die Show beendet sei und die Leute Zeit gehabt hätten, sich zu versammeln (das war dann auch so, ich selbst bin nach der Vorstellung aller Darsteller gemütlich zur Aktionsfläche gelaufen, dann ging es noch so 5 bis 10 Minuten, bevor das Feuerwerk anfing). Viele Leute, die schon aufgestanden waren, hielt das allerdings nicht zurück.
Man sieht das Phänomen in vielen Vorstellungen der unterschiedlichen Shows des Parks, kaum gibt es ein Anzeichen dafür, dass die Show vorbei sein könnte, schon springen die Leute auf und rennen raus. Nun könnte man sagen, allein die Höflichkeit gegenüber dem Künstler gebietet es, seine Leistung mit Applaus zu honorieren. Aber man bekommt ja auch etwas gutes zu sehen. Ich persönlich habe eigentlich alle Shows schon gesehen, aber ich bin jedes Mal wieder neu begeistert davon, was ich zu sehen bekomme. Ich lache auch jedes Mal, wenn ich Husch-Ma-Husch (schreibt man diesen Namen so?) auf der Bühne erlebe, wenn dieser ohne Worte, aber mit einer Menge Gesten und Geräusche seine Nummer macht. Und nicht nur er, alle diese Leute machen das mindestens drei Mal pro Tag. Ist es da so schwierig, ihnen fünf Minuten der eigenen Zeit zu schenken und sie wissen zu lassen, dass sie gute Arbeit machen?
Wir können uns nun wieder auf den so genannten “Zeitgeist” herausreden: Die Zeit ist hektisch geworden. Man hat Eintritt für den Europa-Park gezahlt und will dafür möglichst viel “mitnehmen”. Schlimm genug, dass es Attraktionen gibt, an denen man warten muss. Verschwendete Zeit. Die muss man halt wieder reinholen. Also, Vorstellung fertig – ssst! Weiter zur nächsten Attraktion. Richtig? Falsch – denn in diesem Fall ist die Hektik zum grössten Teil, wenn nicht sogar ganz selbst gemacht. Und diese Menschen, die ihre Fähigkeiten demonstrieren, um uns etwas Kurzweil zu verschaffen, können da wahrlich nichts dafür. Sie haben es verdient, dass man sie mit Applaus beschenkt. Wie ich schon sagt, sicher erhalten sie dafür ihr Gehalt, aber der Applaus macht das etwas persönlicher. Das ist sowas wie “Trinkgeld für die Seele”. Denn wenn Sie den Eintritt in den Park bezahlen, wissen Sie nicht, welcher Künstler davon wieviel kriegt. Das ist sehr abstrakt. Applaus (und natürlich Jubeln und Trampeln), das ist persönlich.
Es spiegelt ein wenig den Umgang wieder, der an vielen Orten herrscht, dass gern gesagt wird: “Ich brauche mich nicht zu bedanken, der Kerl wird dafür bezahlt, dass er das macht.” Richtig, aber wenn man weiß, dass die eigene Arbeit von jemand anderem geschätzt wird, bereitet sie einem noch mehr Freude. Es ist ein Teil der unheilvollen Entwicklung, die gerade einsetzt und die lautet: “Ist doch egal, was Du machst, Du kriegst ja Geld dafür.” Nein, ist es nicht. Wahrscheinlich wird es einige Zeit brauchen, bis man den Irrtum in dieser Entwicklung einsieht und das große Heulen und Zähneklappern einsetzt. Dann soll ja keiner sagen, ich hätte niemanden gewarnt!
Also, lieber Zuschauer, gönne dem Künstler seinen Applaus. Es braucht gar nicht viel, nur etwas Zeit und zwei Hände, die rhythmisch aufeinander treffen. Das sollte der Spaß doch wert sein, oder?
Das ist es – so sieht es aus!

Das ist die Titelseite von “Quaythar – Eine Heldenreise”. Heute ging das freigegebene Referenzexemplar zurück an das Verlagshaus. Es ist also nicht mehr lang, bis es im Handel zu haben ist. Wenn es soweit ist, gibt es mehr in diesem Blog – und natürlich hier.
